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Was weiß die Wissenschaft? : Das Klima hinter dem Komma

Dass es in den kommenden Jahrzehnten auf der Erde immer wärmer wird, scheint ausgemacht - nur wie viel, das ist die Frage. Bild: dpa

Am Anfang stehen die Zahlen: Was die Wissenschaft über die Erderwärmung weiß - oder zumindest vermutet.

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          Große Überraschungen sollte es nicht mehr geben. Das war eine der Botschaften, eine der mehr politisch motivierten Randbemerkungen, die der Weltklimarat IPCC jüngst zur Präsentation des ersten Teils des fünften Sachstandsberichts verkündete. Große Überraschungen vielleicht nicht, könnte man heute sagen, aber jederzeit kleine. Wie diese: Die Frage, weshalb die globale Klimaerwärmung seit anderthalb Jahrzehnten eine Pause einlegt, wird plötzlich von der Wissenschaft nicht mehr als natürliches Phänomen gedeutet. Nicht der riesige Pazifische Ozean mit seinen internen Zirkulationsrhythmen soll den „Hiatus“ bewirkt haben, auch nicht das Sonnenminimum oder Vulkanpartikel sollen verantwortlich sein.

          FCKW sind hochwirksame Treibhausgase

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Plötzlich ist der Mensch nicht nur Auslöser des Klimawandels, sondern auch sein Therapeut. Allerdings liefert er kaum mehr als ein Schmerzmittel mit begrenzter Wirkung. Das Abbremsen der Erwärmung sei demnach direkt, wenn auch unbeabsichtigt, dem Erfolg des Montrealer Protokolls zum Schutz der Ozonschicht und damit dem Produktionsstopp für Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) zuzuschreiben. Darüber wird zumindest heute in einer der führenden Fachzeitschriften, „Nature Geoscience“ berichtet. Die als Kühlmittel verwendeten FCKW, die in der oberen Atmosphäre das „Ozonloch“ über der Antarktis verursacht haben, sind nämlich über ihre destruktiven Eigenschaften hinaus auch hochwirksame Treibhausgase.

          Vom steigenden Meeresspiegel bedroht: das Städtchen Derveni, westlich von Athen

          Das im Jahr 1989 in Kraft getretene Montrealer Protokoll hat in kürzester Zeit dafür gesorgt, dass der Zuwachs der beiden schädlichsten FCKW radikal verringert wurde und ihr klimawirksamer Beitrag als Treibhausgas ab Mitte der neunziger Jahre stagnierte. Nun haben also mexikanische Forscher den zeitlichen Verlauf verschiedener Spurengase und die Lufttemperaturen mit neuesten statistischen Verfahren, unabhängig von den klassischen Klimamodellen, analysiert.

          Ihr Fazit ist eindeutig: FCKW und außerdem noch das mutmaßlich durch verbesserte Anbaupraktiken im Reisanbau bewirkte Abbremsen des Ausstoßes von Methan, einem weiteren starken Treibhausgas, sind zusammengenommen die besten Kandidaten als Klimawandel-Dämpfer. Myles Allen, einer der prominentesten britischen Klimaforscher von der Oxford-Universität, bezweifelt allerdings, dass damit das Rätsel um die Klimawandelpause gelöst ist: „Einfache Lösungen für das Problem gibt es nicht.“

          Der Mensch hat die Klimaerwärmung beschleunigt

          Mit dieser Formel ist der Stand der Klimaforschung insgesamt ganz gut charakterisiert. Nur eine Frage ist für den IPCC praktisch nicht mehr diskussionswürdig: Dass der Mensch seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Erwärmung beschleunigt und global gesehen um 0,8 Grad gesteigert hat, damit also die dominante treibende Kraft des Klimawandels ist, gilt nach dem jüngsten IPCC-Bericht als „extrem wahrscheinlich“ - das bedeutet: mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent. Die jüngsten 30 Jahre gelten - trotz der kurzfristigen Schwankungen und der Erwärmungspause - als die wärmsten der vergangenen 1400 Jahre. Sicher ist das allerdings keineswegs.

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