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Unfreiwillige Trump-Hilfe? : Was ungerecht wäre mit der Corona-Impfung

Sicherheitsstudie mit einem Covid-19-Impfstoff in Oxford: Noch hat es kein Vakzin-Kandidat in die Phase drei der klinischen Tests geschafft. Bild: dpa

Gut möglich, dass die Herstellung eines Pandemie-Impfstoffs beschleunigt werden kann. Davon sollten eigentlich alle profitieren. Aber einer wird ganz sicher Gas geben.

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          Es trifft immer die Falschen. Auch in der Pandemie finden sich genügend Beispiele, die uns vor Augen führen, warum Trivialitäten wie diese oft einer geradezu erdrückenden Alltagsempirie folgen. Wer etwa in den Vereinigten Staaten, der bisher am stärksten von der Corona-Seuche getroffenen Nation, das Herz am rechten Fleck und den Verstand beisammen hat, kann trotzdem sehr viel schlechtere Chancen haben, vom Corona-Tod verschont zu werden, als jeder Verschwörungstheoretiker – wenn er nämlich arm ist und dunkle Hautfarbe hat.

          Ob in New York, Chicago oder Lousiana, wo offizielle Zahlen vorliegen, überall sterben unter den Minderheiten deutlich überproportional mehr Menschen. Das Gerechtigkeitsempfinden vieler ist in dieser Krise herausgefordert. Nehmen wir die mehr als 15.000 Menschen aus 102 Ländern, die sich mit den allerbesten Absichten an der Kampagne „1Day Sooner“ beteiligen und die Entwicklung von Impfstoffen beschleunigen möchten. Unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit und absolut freiwillig wollen die 20 bis 45 Jahre alten Teilnehmer sich in der kritischen dritten Testphase – der entscheidenden – nicht nur die zu prüfende Impfstoffsubstanz injizieren lassen, sondern auch gezielt das neue Coronavirus. Im üblichen Zulassungsprozess muss Monate gewartet werden, bis die testweise Geimpften mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Kontakt mit dem Virus hatten.

          Der Zufall soll nun also abgelöst werden durch die gezielte physische Provokation. Solche „Challenge“-Versuche sind keineswegs neu. Edward Jenners fragwürdigem Experiment im Jahre 1796, als er dem achtjährigen Sohn seines Gärtners das Kuhpocken-Serum verabreichte und ihn danach mit Pockenviren in Kontakt brachte, folgten etliche solcher immunologischer „Herausforderungsexperimente“. Nicht wenige wurden ausbeuterisch an Armen und Minderheiten vorgenommen. Um solcher Unmoral von vorneherein zu begegnen, hat ein Forscherteam um die amerikanische Philosophin Seema Shah nun eine passende ethische Handreichung für kontrollierte Impfprovokationsstudien in der Sars-CoV-2-Pandemie vorgelegt. Damit der Corona-Albtraum möglichst schnell ein Ende hat. Bei „hohem sozialen Nutzen“ seien die Versuche gerechtfertig, heißt es in der „Science“-Publikation.

          Idealerweise sollten die Impfversuche dort stattfinden, wo die Ansteckungsrisiken am größten sind und die relativen Risiken für die Probanden damit am geringsten. Wir ahnen, wie der Mann im Weißen Haus darüber brütet, um sein chaotisches Pandemiemanagement ethisch reinzuwaschen: amerikanische Impfstoffe, getestet auf amerikanischem Boden mit amerikanischen Freiwilligen für Amerikas großartige Zukunft – und das während der heißen Phase des Präsidentenwahlkampfs. Ein Albtraum, der kein Ende nimmt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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