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Naturverluste einpreisen : Was nichts kostet, kann nicht viel wert sein?

Algenblüte in der Dnepr – ein Phänomen der Überdüngung, das auch global für Einbußen sorgt. Bild: dpa

Wir verlieren den Kontakt zur Natur – weil Natur immer radikaler verloren geht. Und so verarmen wir, leider auch buchstäblich. Denn die sozialen und ökonomischen Kosten des Verlustes summieren sich, wie Forscher vorrechnen.

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          Nicht romantisieren, nicht moralisieren und statt dessen kühl rechnen in Euro und Dollar – ohne schönzurechnen. Das ist eine Art, unser Verhältnis zur Natur und ihrem Nutzen zu beschreiben, die vielen nicht behagt. Und tatsächlich lässt sich über die Verrechnung der Natur-Dienstleistungen vor allem eins sagen: Sie ist bisher gnadenlos gescheitert.

          Joachim Müller-Jung
          (jom), Feuilleton, Natur & Wissenschaft

          Die Natur ist, wo immer es sich anbietet, ein Selbstbedienungsladen geblieben – in der Kosten-Nutzen-Rechnung der Ökonomen ebenso wie in den umweltpolitischen Bilanzen der Staaten. Der „Erdgipfel von Rio“ vor bald dreißig Jahren hatte versprochen, für mehr ökonomische Aufrichtigkeit zu sorgen, schon, weil die maßlose Übernutzung der Natur ihren Preis auch für die Menschen haben wird – für die heutigen und die von morgen. Dieser Plan ist krachend gescheitert. Ziel verfehlt, stellt auch die Wissenschaft heute nüchtern fest, die ihrerseits einen immer höheren Aufwand betreibt, den Verlust an Natur aufzuarbeiten. Die Erosion der organismischen Vielfalt geht ungebremst weiter, und die sozialen Kosten dafür türmen sich immer höher – auch wenn sie im Alltag der meisten Menschen kaum sichtbar werden.

          Ein Beispiel aus „Nature“ vom Anfang dieser Woche: Es ist eine der detailliertesten Untersuchungen zu schädlichen Algenblüten in Süßgewässern weltweit. In zwei Dritteln der 71 untersuchten Großseen, wichtige Trinkwasser-Reservoire für die jeweiligen Länder, hat sich die Wasserqualität zwischen 1984 und 2013 so weit verschlechtert, dass die Zahl der teils giftigen Algenblüten deutlich zugenommen hat. Fischer, Bauern, Touristenbetriebe – alle leiden darunter. Allein in den Vereinigten Staaten, so schreiben die Autoren der Studie, Jeff Ho und Anna Michalak von der Carnegie Institution in Stanford, würden Algenblüten Kosten von geschätzt vier Milliarden Dollar jährlich verursachen. Gründe für die Abwärtsspirale gibt es wie bei anderen fatalen ökologischen Trends einige, einer aber ist ganz entscheidend: die unnatürliche Überdüngung der Gewässer.

          Dienstleistungen der Natur

          Dabei geht es nicht nur darum, wie viel Nitrat in die Abwässer gelangt. Es geht auch darum, was in dem Bereich zwischen Verursacher und Nutzer geschieht. Eine intakte Natur könnte, das zeigen viele Beispiele weltweit, den Schaden quasi verhindern. In der Zeitschrift „Science“ hat das an der Stanford-Universität angesiedelte „Natural Capital Project“ diese quasikostenlosen „Ökosystem-Dienstleistungen“ der Natur in einer beispiellosen räumlichen Auflösung dokumentiert. Es ist ein naturökonomischer Weltatlas mit einer räumlichen Auflösung von 300 Metern über beinahe alle Weltregionen. Ein Big-Data-Projekt, das über die reine Forschung hinausgeht. Denn die Wissenschaftler um Rebecca Chaplin-Kramer haben nicht nur Daten ausgewertet und Computermodelle konstruiert, die als Prognoseinstrumente auch einen erheblichen ökonomischen sowie politischen Wert besitzen, sie wollen damit auch pädagogisch wertvolles Material liefern.

          Natur einpreisen lohnt sich zehnfach

          Drei spezielle Ökosystem-Leistungen standen für den Atlas im Fokus: der Schutz vor Überdüngung durch biologische Vielfalt, der Schutz der Küsten durch Korallen, Mangroven und Seegräser sowie die Arbeit von Bestäubern wie Insekten für die Nahrungsmittelproduktion. Einerseits wurden die Trends der Naturvernichtung ausgewertet und auf der anderen Seite die Konsequenzen daraus abgeleitet. Fazit: Der Verlust an Naturflächen kommt uns teuer zu stehen. Wasserknappheit und Ertragsverluste würden Mitte des Jahrhunderts vier bis fünf Milliarden Menschen ökonomisch hart treffen, in Afrika, Südasien und Südamerika kann die Natur eine halbe Milliarde Fischer und Bewohner an den Küsten immer schlechter schützen.

          Um das Drei- bis Zehnfache könnten diese Verluste theoretisch verringert werden – würden die Staaten die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen konsequent verwirklichen. Davon ist die Staatengemeinschaft bisher noch meilenweit entfernt.

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