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Neurobiologie : Die Geburt des Ich

  • -Aktualisiert am

Kaum auf der Welt, aber schon mit eigener Persönlichkeit Bild: plainpicture/Cultura/Katie Rolli

Der Mensch nimmt nicht nur Sinnesreize wahr – er entwickelt irgendwann ein Bewusstsein für das große Ganze. Und das offenbar passiert viel früher, als man meinen würde.

          Wer in Rente geht, hat viel Zeit zu lesen. Im Arbeitszimmer von Hugo Lagercrantz türmen sich die Bücher. Den Anatomen Vesalius hat er dort studiert, den Philosophen Descartes und Thomas Willis, den ersten Neurologen. Für den schwedischen Kinderarzt Lagercrantz sind es Pioniere auf seinem Weg zu einem bislang unerreichten Ziel: Er sucht in alten Schriften und neuen Studien nach dem Moment, in dem das menschliche Bewusstsein einsetzt.

          Der Brite Willis (1621 bis 1675) glaubte, dass die Ursache aller Empfindungen und Gedanken im Gehirn zu finden sei. Zu seiner Zeit ein revolutionärer Gedanke. Den Sitz der menschlichen Innenwelt vermutete man in Herz oder Leber. Die wabbelige faltige Masse im Schädelinneren schien eher geeignet, das Blut zu kühlen. Um der Sache auf den Grund zu gehen, ließ Thomas Willis sich die Köpfe Enthaupteter in seine Arztpraxis in Oxford kommen. Er öffnete ihre Schädel und zerlegte das Gehirn. Erst fiel ihm das geordnete Innenleben aus grauer und weißer Substanz auf, dann beschrieb er es, bestürzend modern, als „vernetztes System“. Und als er 1664 die kleine, fein gestreifte Struktur an der Basis des Großhirns freilegte, heute als Striatum bekannt, meinte Willis die Seele gefunden zu haben.

          Eher wie Organe als wie Menschen

          „Das ist ein sehr frommer Begriff, aber irgendwie auch passend“, sagt Hugo Lagercrantz. Er begann als Berufsanfänger, in den 1970er Jahren auf der Frühchenstation des Stockholmer Karolinska-Krankenhauses, über die Seele nachzudenken. Damals lagen die zarten, fragilen Wesen allein in ihren beheizten Kästen und wurden „eher wie Organe als wie Menschen“ behandelt. Mit sachlicher Sorgfalt, aber ohne besondere Vorsicht, nahmen er und seine Kollegen bei den Babys Blut ab oder intubierten sie. Selbst schmerzhafte Eingriffe fanden ohne Betäubung statt: „Wir alle gingen davon aus, sie würden noch gar nichts empfinden. Keine Furcht, kein Schmerz – kein Bewusstsein“, erzählt Lagercrantz nun am Telefon. „Wir haben damals große Fehler gemacht. Natürlich sind diese Kinder bereits mit der Welt verbunden. Sie empfinden und denken. Sie entwickeln sich ganz anders mit Zuwendung und Freundlichkeit. Da ist schon etwas da, nur was genau, das ist eben die Frage.“

          Bald vermutete Lagercrantz, dass sich die Übergriffe für die Kinder bedrohlich anfühlen könnten: „Wenn sie ein Gummischlauch berührte, zuckten sie zusammen und drehten sich weg. Spürten sie eine warme Hand auf ihrer Brust, atmeten sie ruhiger und wirkten entspannt.“ Aber Rückzug oder Wohlempfinden – sind das schon die Zeichen einer Seele?

          Verstand, Geist oder Seele

          Was Lagercrantz da sah und was er suchte, ist nicht leicht zu benennen. Im Schwedischen, sagt der Mediziner, finde er gar kein passendes Wort dafür. Eines, das mehr meint als das bloße Wachsein und auf die Welt reagieren. Er hält den englischen Begriff „mind“ für treffend, der umfasst sowohl Intellekt als auch Gefühle, ebenfalls das französische „esprit“, in dem der antike Spiritus mitschwingt, der Lebensatem, das innere Feuer. Ins Deutsche lässt sich das auf sehr unterschiedliche Weise übertragen: Verstand. Geist. Oder eben Seele, was wiederum alles Mögliche heißen kann. Lagercrantz liebt dieses Wort, dass er mit sachtem Zischlaut und lang gedehntem „Ehh“ ausspricht: „Ich mag gerade das Mystische daran. Denn es ist immer noch sehr geheimnisvoll, wie sich dieses alles in unserem Kopf zusammenfindet. Und wie wir Menschen fühlen und denken, das ist ja auch ein kleines Wunder.“

          Sein Buch „Die Geburt des Bewusstseins“, das im kommenden Frühjahr in Deutschland erscheinen soll, wird von Lagercrantz’ Suche erzählen: 150 Seiten voller Indizien aus der Wissenschaft, gesammelt von Embryologen, Genetikern und Hirnforschern. Sie lassen vermuten, dass da auch vor der Geburt schon mehr ist, als nur Stoffwechsel und Blutfluss. Die Grundlagen für das Bewusstsein werden kurz nach der Befruchtung gelegt. Am 19. Tag bildet sich die Neuralplatte, aus der sich Rückenmark und Gehirn entwickeln werden. Aber während Organe wie Herz, Nieren, Leber nach drei Monaten fertig sind, gehen die Arbeiten am Gehirn auch noch nach der Geburt weiter. Hundert Milliarden Nervenzellen müssen erst durch Zellteilung entstehen, an den richtigen Platz wandern und sich miteinander vernetzen, um das Gehirn – und somit den menschlichen Geist – zu formen.

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