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Covid-19-Pandemie : Ende des Schreckens?

Karussellfahren in der Corona-Krise - das ist auch in Oktoberfestzeiten das Motto. Bild: dpa

Der amerikanische Präsident will es, der Rest der Welt auch. Doch das Ende der Pandemie bleibt so lange lediglich gefühlt, bis die Krise endlich konsequenter gemanagt wird.

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          Die Zahl der Möglichkeiten, wie die Jahrhundertkrise Corona endlich ein Ende findet, ist buchstäblich explodiert. In der Sprache der Pandemie: Sie ist exponentiell gestiegen, jedenfalls in diesem Sommer. Anfangs gab es zwei einfache Lösungen. Die eine, die chinesische Lösung, lautete: Die Partei sagt, wann es vorbei ist, und sonst niemand. Die andere war nicht weniger formal, aber immerhin wissenschaftlich gefärbt: Die Seuche endet, wenn Herdenimmunität erreicht, die Ausbreitung des Erregers unterbunden und das Virus damit besiegt ist. So weit die Theorie.

          Dass daraus einige Menschen die schräge Idee ableiteten, die Durchseuchung der Bevölkerung mit einem nahezu unbekannten Virus sei zu beschleunigen, um das Ende möglichst schnell herbeizuführen, gehört zu den inhumanen Geschichten dieser inzwischen mindestens 18 Millionen Menschenleben fordernden Gesundheitskrise, mit denen gleich zu Beginn das Spektrum der Torheiten im Namen der Wissenschaften ausgeleuchtet wurde. Inzwischen sind wir nicht nur pandemiemüde, sondern auch in der Beliebigkeit noch viel weiter.

          Jetzt, wo klar ist, dass Herdenimmunität einstweilen unmöglich zu erreichen ist, weil sich einerseits das Virus viel schneller als erwartet ändert und andererseits der Immunschutz zwar gegeben, aber selbst mit Impfung nicht von Dauer ist, werden für die meisten die Fallzahlen zweitrangig; die eigene Verletzlichkeit wird ganz einfach subjektiv ermittelt. Masken, Abstände, Hygiene – alles wird relativ. Individueller Pragmatismus löst Regeln und Maßnahmen im Namen der Solidarität ab. Auch das ist ein Vorzeichen des Endes. Den eigenen Blick fest darauf gerichtet, dürfte das neue Infektionsschutzgesetz bei vielen im Land vorläufig nur noch als gesundheitspolitisches Placebo aufgefasst werden.

          Aber natürlich löst selbst diese Entspannung neue, obszöne Irrationalitäten aus. Unter dem Hashtag #Einervon18Millionen etwa versammelten sich in den sozialen Medien in den letzten Tagen die Ungeimpften im Land, die sich – Originalton – weiterhin „grundlos ausgegrenzt, beschimpft, bedroht, eingeschüchtert und von aufgehetzten Nachbarn verfolgt“ sehen. Die vielen Millionen Opfer dieses verkappten Sozialdarwinismus, die Virusopfer und immunologisch Geschwächten, dürften diesem millionenfachen selbsterklärten Ende mit wesentlich weniger Überheblichkeit entgegensehen.

          Immerhin hat die Welt­gesundheitsorganisation diese Woche erkennen lassen, dass sie sich in der Frage des Pandemieendes das Heft nicht ganz aus der Hand geben will. „Noch nie waren wir in einer besseren Position, die Pandemie zu beenden“, dieser Hinweis von WHO-Generalsekretär Tedros darf als Hinweis verstanden werden, dass trotz des niedrigsten Stands bei den weltweiten Covid-19-Todeszahlen seit März 2020 die Sache noch nicht vollends überstanden ist. Vor allem aber ist er als Mahnung zu verstehen: Sicher können wir erst sein, wenn die angefangenen Hausaufgaben der Pandemiepolitik vom Monitoring, Virusüber­wachung, Raumluftprophylaxe, Impfregister, Datenvernetzung bis zur schnellen Entwicklung zusätzlicher Impfstoffe und Medikamente – auch gegen die millionenfachen Spätfolgen der Infektionen – konsequent erledigt werden. Erst dann ist die Pandemie zu Ende.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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