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Klimaretter Wald : Das Gift der Populisten

Mehr Wald ist gut, aber Wald allein rettet das Weltklima nicht. Bild: Araquém Alcântara

Die Entlarvung der selbsternannten Schweizer Weltklimaretter fördert ein Muster zutage, das schon im politischen Geschäft Gift ist: Fünfe eben mal gerade sein lassen – und dick auftragen. Ein Kommentar.

          2 Min.

          Wie gründlich die Populisten aus der linken, rechten und längst auch aus der neoliberalen Ecke mit ihrer Leidenschaft fürs Schrille die Wissenschaft zu untergraben bereit sind, lässt sich nirgends so schön studieren wie in der Klimadebatte. In der Hysterie, die sie selbst betreiben, lassen sie sich ungern überbieten. Deshalb sprechen sie ungeniert vom „Klima-Dogma“ oder vom „Öko-Diktat“, drohen mit der Gelbwesten-Keule und sozialen Unruhen und klammern geflissentlich aus, wie viel analytischer Geist und aufklärerischer Wille in den vergangenen Jahren in demokratische und rechtsstaatliche Konzepte zur Lösung der Klimakrise bereits geflossen sind. Die Scharfmacher warnen vor Apokalyptikern und werden selbst zu Angstmachern.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das Ganze hat längst Züge eines Kulturkampfes. Wer in dieser aufgeheizten Stimmung noch nicht den Mut verloren hat, die ernsthafte und konstruktive Auseinandersetzung um die klimapolitischen Optionen zu führen und seinen Kompass zu behalten, darf sich als Held feiern lassen. Groß gefeiert wurden vor einigen Wochen interessanterweise auch von allen Seiten jene Erdsystemforscher der ETH Zürich, die in ihren von Künstlicher Intelligenz befeuerten Modellen den Königsweg aus der Klimakrise gefunden haben wollten: Aufforstung im großen Stil über den gesamten Globus. Das grüne Gold der Wälder, die „effektivste Lösung im Kampf gegen den Klimawandel“, schrieben sie im bedeutenden Fachmagazin „Science“.

          Klimaschutz im Schongang – gärtnern fürs Überleben, was für eine Zukunft. Das Ganze war nichts grundsätzlich Neues, es war vielmehr die populistische Variante eines Arguments, das seit Jahrzehnten gültig ist und in der Klimapolitik jedes Jahr neu diskutiert wird. Wälder können nämlich, wenn sie nicht großflächig gerodet oder niedergebrannt werden und stattdessen als natürlicher und deshalb ökologisch besonders sinnvoller Kohlenstoffspeicher ausgebaut und in die Klimabudgets eingepreist werden, eine sinnvolle Ergänzung zur Minderung der Treibhausgasemissionen sein.Die Schweizer Lösung freilich versprach, gleich zwanzigmal so viel Kohlenstoff in Bäumen zu speichern, wie derzeit jedes Jahr durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt wird.

          Leider geht die Rechnung nicht auf. Und zwar nicht nur, weil dazu primär die katastrophale Zerstörungswut in vielen waldreichen Regionen erst einmal gestoppt werden müsste, was für sich schon einer ökologischen Kulturrevolution gleichkäme. Vielmehr haben die Schweizer in ihrer Euphorie eine ganze Reihe grundlegender geophysikalischer, ökologischer und wirtschaftlicher Randbedingungen außer Acht gelassen, die ihnen jetzt in einem veritablen Kritikhagel in „Science“ aus den unterschiedlichen Fachdisziplinen vorgehalten werden.

          Die Gegenwehr aus Zürich bleibt blass. Was wiederum die Frage aufwirft, wie es das löchrige Schweizer Konzept durch das Gutachtersystem und in „Science“ geschafft hat. Ein Verdacht liegt in der Luft: Dass sich das politische Gift des Populismus in unterschiedlicher Dosierung überall verbreitet und die Neurone stimuliert – es steigert die Sucht nach Aufmerksamkeit.

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