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Woher kommt der Mensch? (5) : Vorsprung durch Kunst

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Auf einer einfachen Ebene können wir die gewaltige Ausbreitung von symbolischem Ausdruck, Informationsspeicherung, Religion und neuen Formen der Kommunikation einschließlich figürlicher Kunst und Musik als den Kitt betrachten, der diese größeren gesellschaftlichen Einheiten zusammenzuschweißen half und der den sozialen Zusammenhalt förderte, welcher das gesamte menschliche Leben kennzeichnet, wie wir es heute kennen. Die Höhlen der Schwäbischen Alb stellen das erste und am besten belegte Beispiel für diese Prozesse dar, die in grundlegender Weise bestimmen, was das menschliche Dasein ist. Anders gesagt: Wenn wir in die Vergangenheit reisen könnten, um Neandertaler zu besuchen, die vor 50 000 Jahren auf der Schwäbischen Alb und in deren Umkreis lebten, würden wir Menschen begegnen, die uns fremdartig sind und die eine ganz andere Art und Weise hatten, ihr Leben und ihre gesellschaftlichen Wechselbeziehungen zu gestalten. Im Gegensatz dazu wären uns die Menschen des Aurignaciens von Grund auf vertraut. Zweifellos würden wir eine neue Sprache lernen müssen und auch, wie man Steine schlägt, Tiere jagt, Felle bearbeitet, Feuer macht und zahllose weitere Dinge, aber wenn wir uns diese Fähigkeiten erst einmal angeeignet hätten, würden wir erkennen, dass die Menschen des Aurignaciens in jeder Hinsicht wie wir selbst waren.

Die Flöte war aus dem Speicheknochen eines Gänsegeiers hergestellt worden.

Spätestens vor 40 000 Jahren begann die Lebensweise, wie wir sie heute bei allen lebenden Völkern kennen. Figürliche Kunst und neue Formen der Kommunikation sowie neue Glaubenssysteme, Musik und gesellschaftliches Engagement verbreiteten sich mit den modernen Menschen über den gesamten Globus. Heutzutage sind solche kulturellen Kennzeichen universell.

Siegeszug der figürlichen Kunst

Diese neuen Formen der Kommunikation sowie der Speicherung und Weitergabe von Informationen waren so erfolgreich, dass figürliche Kunst in zahllosen Ausprägungen im archäologischen Befund der Alten Welt angetroffen wird, zum Beispiel von den Wandmalereien der Grotte Chauvet im südfranzösischen Ardèche, den bemalten Kalksteinen der Grotta di Fumane in Norditalien über die Kunstwerke von den Fundplätzen aus der Dordogne, Nordspanien, der österreichischen Wachau bis hin zu entfernten Gegenden wie Sulawesi und Australien - um nur einige wenige zu nennen. Figürliche Kunst wirkte und breitete sich aus, und das heutige Leben ist ohne Kunst und figürliche Darstellungen undenkbar. In diesen Zusammenhang gehören auch Formen der Kunst wie Gesang, Erzählungen, Tanz, Musik und andere, die archäologisch nur sehr selten sichtbar sind.

Nicholas J. Conard ist Senckenberg-Professor für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen.

Die Serie: Woher kommt der Mensch?

Die Erkundung der gemeinsamen Wurzeln aller Menschen ist, gerade in Zeiten sich ausbreitender populistisch-rassistischer Tendenzen, eine der vielleicht wichtigsten wissenschaftlichen Unternehmungen. Die Serie „Woher kommt der Mensch?“ basiert auf einer Vortragsreihe am Frankfurter Senckenberg Naturmuseum  und der Goethe-Universität Frankfurt am Main, die diese Zeitung redaktionell unterstützt, und die unseren Blick auf den Homo sapiens schärfen soll. Dabei geht es nicht nur um die menschliche Evolution als Ganzes, sondern auch um die Entwicklung unseres Denkens und unserer Intelligenz, unserer Emotionen und des Bewusstseins für Kunst und Ästhetik. Die Themenbreite macht deutlich: Es geht in den sechs Vorträgen von international hochangesehenen Referenten um Betrachtungen über die Fachdisziplingrenzen hinaus.

In der Serie sind bisher erschienen:

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