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Woher kommt der Mensch? (5) : Vorsprung durch Kunst

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Die erste Tier-Mensch-Chimäre: Der Löwenmensch.

Auch wenn die Neandertaler nicht primitiv waren, so gestalteten die modernen Menschen ihr Leben doch in anderer Weise. Neandertaler waren üblicherweise gesellschaftlich und technologisch konservativ, während die Menschen des Aurignaciens rasch die symbolische Komplexität steigerten, wie es im archäologischen Befund sichtbar wird. Gleichzeitig zeigen der Reichtum der Fundschichten und zahlreiche weitere Indizien, dass die Populationen der Aurignacienmenschen in den Tälern der Schwäbischen Alb wesentlich größer waren als während des langen Zeitraumes, in welchem Neandertaler in der Region lebten. Man erkennt dies in sehr unmittelbarer Weise während der Ausgrabung. Wenn man in mittelpaläolithischen Schichten gräbt, die auf Neandertaler zurückgehen, ist man froh, ein einzelnes Artefakt zu finden, während man in den aurignacienzeitlichen Schichten auf so viele unterschiedliche Funde stößt, dass man als Ausgräber kaum weiß, welche Stücke man zuerst dokumentieren soll. Dies gilt für alle Fundkategorien, darunter verbrannte Knochen und Holzkohle, die Reste geschlachteter Tiere, Steinwerkzeuge sowie Werkzeuge aus Knochen, Geweih und Elfenbein, ganz zu schweigen von den zahlreichen neuen Formen symbolischer Artefakte. Die meisten Schätzungen der Bevölkerungsdichten von Neandertalern und modernen Menschen in der Landschaft der Schwäbischen Alb gehen vom Zehnfachen oder noch höheren Werten für moderne Menschen aus.

Kunst als Kommunikationsmittel

Das lässt darauf schließen, dass die tiefgreifende Änderung bei den symbolischen Artefakten wahrscheinlich Ausdruck der Ausbreitung der symbolischen Kultur ist, die es mehr Menschen gestattete, miteinander zu kommunizieren und existenzfähigen sozialen Zusammenhalt in Gruppen aufrechtzuerhalten, die weitaus größer waren als die kleinen gesellschaftlichen Einheiten der Neandertaler. Die Entwicklung von figürlicher Kunst, Musikinstrumenten, Religion - wie sie sich in den Darstellungen der Löwenmenschen offenbart - und zahlreicher neuer Schmuckformen bezeugt ein weites neues Feld symbolischer Kommunikation und Ikonographie, das für die Täler der Schwäbischen Alb spezifisch und anderswo unbekannt ist. Aus diesem Grund können wir die sich ausbreitenden Gruppen als Auslöser für gesellschaftliche Rahmenbedingungen ansehen, unter denen grundlegende Neuerungen innerhalb der symbolischen Welt den modernen Menschen Verhaltensvorteile gegenüber den einheimischen Neandertalern verschafften, die diese Anpassungen niemals benötigt und es vielleicht sogar vorgezogen hatten, ohne sie zu leben.

In der Eiszeit wurde mit vergleichsweise feinem Instrumentarium musiziert: 35.000 Jahre alte Flöte von der Schwäbischen Alb

Das bedeutet nicht, dass der Mensch allein durch Symbole existiert. Im Gegenteil: Die durchgreifende Verbreitung symbolischer Artefakte geht einher mit zahllosen technologischen Neuerungen, die sich in den reichen Artefaktinventaren des schwäbischen Aurignaciens zeigen. Gleichzeitig zeugt der Faunenbefund aus den schwäbischen Höhlen von einer Bereitschaft moderner Menschen, mehr und mehr Fisch, Geflügel und kleine Säugetiere, darunter Hasen, zu nutzen, welche Neandertaler gezielt zugunsten größerer Beutetiere wie Pferd, Ren und Steinbock missachteten. Die Erweiterung des Nahrungssortiments moderner Menschen in den verschiedenen Regionen ermöglichte im Zusammenspiel mit vielen technologischen Neuerungen und neuen symbolischen Artefakten eine Steigerung der Geburts- und Überlebensrate bei modernen Menschen, die zu einer Verdrängung und am Ende zum Aussterben der Neandertaler führte, wobei es lediglich ein bescheidenes Maß an Vermischung zwischen beiden Menschenformen gab.

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