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Glosse zum Wort des Jahres : Vorsicht vor der Heißzeit im Winter!

Bild: dpa

Die Gesellschaft für deutsche Sprache liebt Wortschöpfungen, aber ist sie auch winterfest? Das kommt drauf an, wen man fragt – oder wer darüber twittert.

          Am Wochenende schneit's. Dem „unverblümten“ (O-Ton Mitteldeutscher Rundfunk) Jörg Kachelmann, unserem Allwettersprachpapst, der demnächst nach Sachsen heimkehrt und den männlichen Part im „Riverboat“ übernimmt, ist dazu meteorologiephilosophisch noch nicht so wahnsinnig viel eingefallen. Das kann sich aber schnell ändern. Sobald der erste an der Winterfront von der Kältewelle twittert und selbiger sich sommers womöglich schon als Hitzewellen-Agitator zu erkennen gab, ist's vorbei mit der Stille im Wetterkanal.

          Nicht die Hitze, die Trockenheit war die Katatstrophe in diesem Jahr, das gehört für den berühmten Wetterinquisitor mit den vielen Kosenamen zur unumstößlichen Wahrheit dieses Jahres. Deshalb sollten wir uns nicht vorschnell auf Schnee freuen, wenn nur gefrierender Regen, vulgo: Matschwetter, zu erwarten ist. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat sich insofern schon ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, als sie die unstrittig schöne und kreative Wortschöpfung „Heißzeit“ zum Wort des Jahres gekürt hat. Franz Alt, der erste Dalai Lama der Solarbranche, hatte es schon 1992 benutzt. Dass Alts Wortschöpfung ausgerechnet im Jahr des historischen „Erdgipfels“ von Rio im sprachlichen Jahresrückblick  des Sprachvereins ignoriert worden war, dass unter den zehn Nominierten damals überhaupt kein einziger ökologisch relevanter Begriff auftauchte, sondern alles seinerzeit von Politikverdrossenheit und Fremdenhass überlagert gewesen war, diese Achtlosigkeit ist nur damit einigermaßen zu entschuldigen, dass die  Sprach-Gesellschaft damals noch nicht googeln konnte. Das ist heute natürlich anders.

          Häufigkeit soll zwar nicht entscheidend sein, eher schon „gesellschaftliche Bedeutung“ (ist die sprachliche Tiefenschärfe des Juryvoritzenden Peter Schlobinski nicht entwaffnend?), aber 130.000 Treffer für „Heißzeit“ und das schon vor der Kür zum Wort des Jahres, das fand die Jury dann doch sehr bemerkenswert. Für einen Bergiff, den die meisten für einen Verschreiber halten, stimmt das ja durchaus. Um die Eiszeit geht es bei der Heißzeit aber gar nicht, ganz im Gegenteil

          Die Heißzeit aus Potsdam

          Faktum jedenfalls ist: „Heißzeit“ hat seit diesem Jahr ein wissenschaftliches Fundament. In der Klimadebatte – hier ist wieder Kachelmann-Schärfe gefragt, deshalb: nicht ums Wetter und um heiße Tage geht's, sondern ums Klima – brach die „Heißzeit„ in diesem Jahr mit der ganzen Wucht der dahinter vermuteten Katastrophe ein. Im englischsprachigen Original, einer PNAS-Veröffentlichung der Potsdamer Truppe um den  Klimapapst Hans Joachim Schellnhuber, heißt die Heißzeit übrigens nicht etwa „Hot times“ oder „Hot period“, gewissermaßen als geophysikalisches Superlativ zur Warmzeit oder Zwischenwarmzeit, in der wir zur Zeit leben, vielmehr ist von der „Hothouse Earth“ die Rede – vom Supertreibhaus Erde.

          Supertreibhaus hätte sicher nicht viele Chancen im Sprachwettbewerb gehabt. Plumpe Wortbildungen haben es traditionell schwerer, weshalb vergangenes Jahr das originelle „Jamaika-Aus“ und nicht etwa das Politchaos gewählt wurde. Heißzeit fällt da eher in die Kategorie von „Lichtgrenze“, das vor vier Jahren Wort des Jahres und ähnlich unbekannt war wie Heißzeit – aber durchaus kreativ die Feierlichkeiten zu 25 Jahre Mauerfall mit der Lichtinstallation aus Ballons über Berlin zusammenfasste. Bei der Heißzeit geht es auch um eine  Mauer, nämlich um die (geophysikalisch noch genauer auszumessende) Grenze, hinter der das ganze Wetter nur noch Mist und die Natur nur noch ein Haufen Elend ist. Vier oder sechs Grad mehr über den Planeten gemittelt und eben nicht, wie von Klimaschützern gewünscht, anderthalb Grad mehr. Es wäre die Zeit, in der es klimatisch kein Halten mehr gibt und der Mensch  von der guten alten Eiszeit kommend und die Warmzeit nutzend in eine apokalyptische, vollkommen unkalkulierbare Zukunft rutscht.

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          Die „Klimakatastrophe“ war vor Jahren übrigens auch schon auf der Liste der nominierten Wortschöpfungen. Wohlgemerkt: Nicht als Unwort des Jahres, was die zuvor beanstandete ökologische Sensibilität der Sprachjury fürderhin rehabilitiert. Dass es nun die drohende, hypothetische Heißzeit in einer, wie man hört, ungewöhnlich einträchtigen, schnellen Entscheidung geschafft hat und nicht schon die Klimakatastrophe, liegt wahrscheinlich nicht bloß an der sprachlich erfrischenden Ähnlichkeit zur Eiszeit oder weil sie eine „Brücke zu einem der gravierendsten globalen Phänomene des 21. Jahrhunderts“ schlägt. Nein, die Heißzeit könnte man sprachphilosophisch insofern auch offensiver deuten: als klimapolitische Kampfansage. Als Antwort auf die Transusendiplomatie von Kattowitz. Dass die heiße Phase in der Klimapolitik jedenfalls längst angebrochen ist, dass uns energietechnisch quasi nur noch zwölf Jahre bleiben bis zum Abrutschen in die irreversible  Heißzeit, wie der Weltklimarat das unlängst feststellte, das alles spricht für eine mutige Entscheidung des Wiesbadener Sprachrates.

          Auch denen ist damit gedient, die sich Jörg Kachelmann gelegentlich an den Hals werfen und die Klimakrise für eine böswillige Erfindung aus Potsdam halten. In ihren Ohren klingt Heißzeit ohnehin ausgesprochen verheißungsvoll. „Die gute alte Erderwärmung“, wie der amerikanische Präsident, pünktlich zum Klimagipfel in Polen twitterte, könnte doch auch angenehme Seiten haben. Die Sprachjuroren sollten deshalb, um auf der richtigen Seite zu bleiben, nicht weiter den Fehler begehen wie bei der heutigen Präsentation, „den heißen Sommer 2018“, der nach meteorologiepäpstlicher Maßgabe vor allem ein schrecklich trockener war, als Sinnbild der drohenden Heißzeit zu benutzen. Da verwechselt man Klima und Wetter und ist ganz schnell neben der Spur. Womit wir beim Thema wären: Es schneit schon, stimmt, glatt wird's. Aufpassen, Freunde der Sprache!

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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