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Jahr für Jahr die „Stunde der Wintervögel“ wahrzunehmen, kann eine Freundschaft fördern, wenn diese Wind und Wetter standhält. Und nebenbei lässt sich noch die Blüte der Zaubernuss entdecken. Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Von Wintervögeln und Zaubernüssen

Wer zur „Stunde der Wintervögel“ aufbricht, kann nebenbei noch bizarre Frühblüher entdecken. Die Blüte einer Hamamelis ist faszinierend und kann der Phänologie außerdem interessante Daten liefern, wenn sie rund ums Jahr unter Beobachtung steht.

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          Zum zwölften Mal hatte der NABU zur Zählung der Wintervögel aufgerufen, und wir sind wie jedes Jahr fleißig gewesen. Nicht gleich von der allerersten Stunde an, so lange kennen wir uns noch nicht, um wie heute zu wissen, dass diese Freundschaft nicht nur Wind und Wetter standhält, sondern auch vergessene Notizzettel oder Wanderkarten, verpasste Eulenwanderungen, nur knapp erwischte Züge oder irgendwelche anderen Missgeschicke übersteht. Wir können über ein Malheur – mit Tränen in den Augen – lachen, wenn auch nicht immer sofort, und mit der Distanz von ein paar Stunden, Wochen, Jahren werden aus den kleinen Dramen wunderbare Abenteuer.

          Der Garten- ist vom Waldbaumläufer zu unterscheiden

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Übrigens kam nicht ich auf die Idee, Vögel zu beobachten, inzwischen ist es jedoch Tradition, uns an einem Wintersonntag eine Stunde lang im Frankfurter Ostpark so wenig wie möglich zu bewegen, egal wie nass oder kalt es ist, um möglichst viele Exemplare einer Art in einem kleinen Gebiet zu erhaschen. Jeder Ornithologe würde verzweifeln, müsste er uns dabei zuhören, dabei werden wir von Mal zu Mal besser, wirklich! Der tags zuvor gefallene Schnee war leider wieder geschmolzen, und so stapften wir zwei, jede mit einem Fernglas in der Hand, vorsichtig über Gras und aufgeweichte Wege, um auch 2022 Meisen, Baumläufer, Kleiber, Stieglitze und Stare zu erblicken. Im Vergleich zu 2021 war die Zahl der Ringeltauben von Dutzenden auf wenige geschrumpft, und ein paar Blaumeisen zeigten sich wieder, sie liegen mit einem 20-Prozent-Plus wieder im Trend. Der Mittelspecht, unsere schönste Beobachtung und eine Premiere, rangiert in der NABU-Liste auf Platz 65 der Sichtungen, die man bis zum 17. Januar melden konnte; als ich zuletzt schaute, hatten das 170.079 Vogelfreunde schon getan. Im letzten Jahr ließen wir die Frist verstreichen: Ich konnte den Wald- vom Gartenbaumläufer nicht sicher unterscheiden, vergaß nachzuschauen und wurde auch nicht daran erinnert, so blieb unsere eigene Taubenschar unerwähnt. Jetzt half das Fernglas, sogar ein Buch war eingepackt, kein Grund also, das Smartphone zu befragen, und trotzdem sollte sich in unsere Meldung ein Fehler einschleichen, der ganz offensichtlich an der „Plausibilitätsprüfung“ scheiterte und uns 2023 sicher nicht mehr passieren wird, Ehrenwort! Für ein Foto habe ich es dann trotzdem gezückt: eine Zaubernuss in voller Blüte, herrlich bizarr.

          Von der Heilpflanze zur Zierstrauch

          Ihre gelben Fransen im Januar verraten einem Experten, dass es sich bei diesem Exemplar wohl kaum um eine Hamamelis virginiana handeln kann. Die im östlichen Nordamerika beheimatete Art, „witch hazel“ genannt, aus der Ordnung der Steinbrechartigen blüht früher, im Herbst oder zum Winteranfang. Eine Eigenschaft, die aus der Heilpflanze der Cherokee, Chippewa, Irokesen, Mohegan und weiterer Stämme einen beliebten Zierstrauch für europäische Gärten und Parkanlagen macht seit ihrer Einführung im 18. Jahrhundert, und Auszüge aus Blatt und Borke werten Kosmetika auf.

          Welche Art oder Sorte nun im Ostpark blüht, ist noch nicht geklärt, doch Aufzeichnungen an der Universität Gießen zu „Jelena“, einer Hamamelis x intermedia, würden dazu passen. Für diese Hybride der beiden asiatischen Arten H. japonica und H. mollis wurde von 2004 bis 2016 der Blühbeginn notiert. Die Termine sind in der Datenbank für den Phänologischen Garten Linden gespeichert und umfassen vom 7. Januar (2013) bis zum 24. Februar (2010) einen großen Zeitraum. „Die Schwankung der Eintrittstage in den dokumentierten Jahren zeigt bisher keinerlei Trend“, erklärt dazu der Pflanzenökologe Gerald Moser. Der Zeitpunkt der Blüte werde von vorhergehenden Kältephasen und einer darauffolgenden Erwärmung ausgelöst, sei also sehr stark von der Witterung der einzelnen Jahre abhängig.

          Die im Ostpark entdeckte Blüte liegt in Jelenas Zeitrahmen, Hamamelis gedeiht hier allerdings viel besser: Die Exemplare in Linden starben 2016 ab, der Boden ist nicht optimal, und den frischen, nachgepflanzten Klonen aus dem „Muttergarten“ setzten dann die Hitzesommer zu. Sonst nähmen sie am „Global Phenological Monitoring“-Programm teil, das von der Humboldt-Universität  zu Berlin koordiniert wird, – und stünden wie die genetisch identischen Klone andernorts das ganze Jahr unter Beobachtung. Wir machen das ja nur einmal im Jahr, aber jeden Winter, ansonsten stehen wir nicht still und zählen, sondern wandern viel lieber.

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