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Psychoanalyse : Spielraum für die Seele

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Im Frankfurter Flughafen Bild: dpa

Ist die Psychoanalyse noch geeignet, Patienten zu helfen? Das Angebot an Alternativen ist groß. Auf ihrem Weltkongress hat sie sich mit dem Thema Initimität als konstruktive, interdisziplinäre Wissenschaft gezeigt.

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          Ist die Psychoanalyse wirklich veraltet? Ihre Theorie sei wissenschaftlich nicht überprüft, liest man, und ihre Praxis für viele Patienten nicht geeignet. Sie beschäftige sich in langen Therapien nur mit dem Innenleben und vernachlässige wesentliche soziale Entwicklungen. Diese Vorurteile versuchte die Internationale Psychoanalytische Vereinigung in ihrem Weltkongress in Buenos Aires jüngst zu korrigieren. Unter dem Leitthema „Intimität“ kam ein breites Spektrum psychoanalytischer Erfahrungen zur Sprache. Eine herausragende Rolle spielte die Beschädigung der persönlichen Intimität und Integrität durch Gewalt, Terror und politische Repression. Gewalterfahrungen schreiben sich in das individuelle und kollektive Unbewusste ein. Sie können zu massiven Veränderungen des Körper- und Selbstgefühls sowie der sozialen Beziehungen führen und werden über die Generationen hinweg weitergegeben.

          Die Psychoanalyse verfügt über Konzepte, die die Wirkung traumatischer Erfahrungen sowohl neuro- als auch sozialwissenschaftlich erklären können. Es existieren zwar einige Subkulturen, die sich den neurobiologischen und kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen verschließen, doch scheint der Mainstream am interdisziplinären Diskurs interessiert. Dazu gehört, dass die psychoanalytischen Institute wieder vermehrt den Kontakt zu den Universitäten suchen sowie umgekehrt die Psychoanalyse in der universitären Lehre wieder zur Sprache kommt. In politischen Organisationen wie den Vereinten Nationen werden Psychoanalytiker gehört, sie vermitteln in internationalen Konflikten und beteiligen sich an der Lösung aktueller gesellschaftlicher Probleme. Auch in Beratung und Coaching von wissenschaftlichen Institutionen und Unternehmen sind Psychoanalytiker aktiv.

          Schmerzhafte Erinnerungen

          Die Auseinandersetzung mit der Militärdiktatur in Argentinien war in Buenos Aires ein naheliegendes Thema. Sie weckte schmerzhafte Erinnerungen von jüdischen Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern, die als Kinder der Schoa entronnen waren und in Argentinien eine neue Heimat fanden. Sie haben die Psychoanalyse in Südamerika geprägt. Die Reflexion der psychischen Auswirkungen der weltweiten Migrationsbewegungen und die Initiativen, Geflüchtete, besonders Kinder, menschlich zu unterstützen, waren weitere Beispiele für das gesellschaftliche Engagement der Kongressteilnehmer.

          Gewalterfahrung und das Gefühl von Unterdrückung gefährden die Integrität der Person.
          Gewalterfahrung und das Gefühl von Unterdrückung gefährden die Integrität der Person. : Bild: dpa

          Dennoch hält die Psychoanalyse an ihrer Grundlage fest, im Rahmen einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung durch geduldige Resonanz, Mitgefühl und Einsicht einen Spielraum zu eröffnen, in dem sich ihre Patienten entfalten können. Sie sieht in ihrer Methode eine einzigartige Möglichkeit, Verletzungen der Intimität wahrzunehmen und zu bewältigen. Sie zeigt, wie die frühen Störungen von Kindern und Jugendlichen behandelt werden können.

          Derzeit sind viele Psychoanalytiker offenbar über den schon in den ersten Lebensjahren einsetzenden dauerhaften Mediengebrauch besorgt. Er kann zu körperlichen Störungen, emotionaler Entleerung und sozialer Entfremdung führen, wenn er nicht von vertrauens- und verständnisvollen Beziehungen begleitet wird. Aktuelle Studien und Fallberichte zeigen, dass psychoanalytisch inspirierte Verfahren auch bei psychosomatischen Erkrankungen, schweren Persönlichkeitsstörungen, chronischen Depressionen und schizophren genannten Störungen hilfreich sein kann. Dies gelingt aber nur, wenn sie auch andere Methoden wie die Verhaltenstherapie patientenorientiert und differenziert einbezieht.

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