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Psychoanalyse : Spielraum für die Seele

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Die Zunahme von neuronaler Kohärenz im Verlauf einer psychoanalytischen Behandlung lässt sich mittlerweile auch mit der funktionellen Magnetresonanztomographie belegen. Das heißt aber nicht, dass die Psychoanalyse zur Neurowissenschaft würde. Sie vermittelt eher biologische mit psychologischen und kulturwissenschaftlichen Perspektiven. Diese interdisziplinäre Herausforderung, der sich schon Sigmund Freud stellte, ist allerdings ziemlich komplex.

Psychoanalyse ist gleichzeitig Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaft. Sie benutzt sowohl die Methoden der evidenzbasierten Medizin als auch diejenigen der Kultur- und Geisteswissenschaften. Traditionell werden diese Methoden gegenübergestellt, sie können sich jedoch auch ergänzen.

Rückzug?

In die Interpretation naturwissenschaftlicher Befunde geht immer Sinn ein, der sprachlich formuliert wird und damit von der kulturellen Dynamik geprägt ist. Diese kann nicht naturwissenschaftlich erklärt, sondern nur hermeneutisch verstanden werden. Auch kann die Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht aus der Naturwissenschaft selbst begründet werden. Das haben wir aus der Quantenphysik gelernt, die die grandiose technische Innovation der Kernspaltung ermöglichte. Die Quantenphysik konnte die Frage, ob die Atombombe eingesetzt werden soll, nicht beantworten. So wird auch die künstliche Intelligenz nicht ergründen können, ob eine technische Neuerung moralisch zu verantworten ist. Hier geht es nicht um Ursachenforschung, sondern um Begründungen im kommunikativen Handeln.

Die Wichtigkeit des therapeutischen Gesprächs

Eine spezielle Form des kommunikativen Handelns ist die Psychoanalyse. In der Intimität des therapeutischen Gesprächs können verpönte Regungen und verdrängte Erfahrungen wahrgenommen und, wenn es gut läuft, schöpferisch transformiert werden. Die Freiheit von äußerer Kontrolle ermöglicht häufig die Entwicklung eines authentischen Selbst, das mit seiner Herkunft, seinen Lebensumständen und seinen Möglichkeiten kreativer umzugehen lernt. Angesichts eines drohenden Schwindens von Intimität scheint dies aktueller denn je zu sein. Allerdings ist die Psychoanalyse nicht frei von Zwang. Die Lehranalyse, der sich werdende Psychoanalytiker unterziehen müssen, wird von manchen als versteinertes Ritual erlebt. Auch in diesem Punkt war der Weltkongress in Buenos Aires wegweisend, indem viele betonten, dass die Lehranalyse kein antiquiertes Unterwerfungsritual darstellen soll, sondern die Fähigkeit zur verständnisvollen Begleitung notleidender Patientinnen und Patienten kreativ entwickeln sollte. Dazu gehört auch, dass sich die Lehranalytiker flexibel auf die Bedürfnisse ihrer Kandidaten einstellen.

Psychoanalyse, die interdisziplinär wissenschaftliche Erkenntnisse und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt, kann in einer durch Gewalt unterkomplexen und populistischen Denkens gefährdeten Welt einen Freiraum darstellen, in dem Patienten ihre emotionalen, intellektuellen und sozialen Potentiale entdecken können. So wie die Psychoanalyse gesellschaftliche Entwicklungen aufnimmt, bereichert sie auch das politische und kulturelle Gedächtnis. Sie zeigt zum Beispiel wie wichtig intime Bindungen sind, und wie problematisch grenzenlose Offenheit in vielen Lebensbereichen sein kann.

Der Autor

Professor Dr. Rainer Matthias Holm-Hadulla ist Psychiater und war dreißig Jahre lang ärztlicher Leiter der Psychosozialen Beratung für Studierende in Heidelberg. Er leitet das Heidelberger Institut für Coaching.

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