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Neuer „Volksklimarechner“ : Bleibt das Wetter die nächsten vier Jahre so warm?

Werden Hitzewellen für Jahre zur Dauerbelastung? Bild: dpa

Die Hitzerekorde könnten bis 2022 reihenweise purzeln – so prognostiziert es ein neues Klimamodell, das Forscher als „Volksklimarechner“ bezeichnen. Wetterprofis bietet das Verfahren gleich mehrfach Grund zum Staunen.

          Gut möglich, dass der Hitzesommer 2018 seine Fortsetzung findet: Auch in den kommenden vier Jahren stehen offensichtlich die Chancen gut, dass es überdurchschnittlich warm bleibt. Und zwar nicht etwa, weil sich die Erderwärmung beschleunigt (der Klimawandel-Effekt kommt noch obendrauf), sondern weil die natürlichen Schwankungen im Klimasystem die Voraussetzungen für eine längere Warmphase schafft. Das heißt: Eine größere Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen zumindest in den nächsten zwei Jahren und vor allem deutlich weniger Temperaturausschläge nach unten. Kälteextreme sind demnach vorerst eher unwahrscheinlich. Das alles ergibt sich aus den Vorhersagen mit einem neuen, offenbar ziemlich raffinierten statistischen Modell namens „Procast“, das der französische  Physiker Florian Sévellec von der Universität Brest und der niederländische Meteorologe Sybren Drijfhout in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals „Nature Communications“ beschreiben.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dieses Wettermodell, das bisher noch allein langfristige globale Vorhersagen von Luft- und Meerestemperaturdaten zulässt, verwendet ein extrem recheneffizientes neues Verfahren, das in Sekundenschnelle Ergebnisse produziert – eine Art „Volksklimarechner“  soll daraus werden, so hoffen die Wissenschaftler. Denn für die Berechnungen genügen angeblich schon heute handelsübliche Laptops.

          Das Chaos im Wettergeschehen

          Besonders beeindruckend: Verglichen mit den aufwändigen Langfrist-Vorhersagemodelle, die der britische Wetterdienst verwendet, kann das Procast-Modell in einem Testlauf, in dem die Prognosen an den tatsächlich gemessenen Temperaturen seit 1880 gemessen wurden, deutlich besser ab. Ein weiterer Härtetest war die Simulation des mehrjährigen „Hiatus“, der vermeintlichen Klimawandel-Pause Anfang dieses Jahrhunderts, deren Temperaturplateau mit dem Procast-Modell erstaunlich gut simuliert wurde. Offensichtlich war also die fast zehnjährige Stagnation der globalen Jahresdurchschnittstemperatur zu jener Zeit nicht etwa das Ergebnis eines verminderten oder falsch berechneten Treibhauseffektes (wie von Klimawandelkritikern behauptet). Vielmehr steckte die Eräwrmungsabschwächung buchstäblich im natürlichen System drin. Die Erderwärmung und damit der Klimawandel war nur maskiert worden durch diese natürlichen Prozesse.

          Was im Einzelnen die natürliche Variabilität antreibt, durch welche geophysikalischen Prozesse im Klimasystem die Trends und Ausschläge erzeugt werden, lässt sich mit dem Klimamodell nicht berechnen. Es ist offenbar nur ein sehr gutes Modell, das zumindest beim Vergleich mit historischen Messungen, die internen, großteils chaotischen physikalischen Prozesse mit ihren komplexen Rückkoppelungen recht gut abbildet. Grundlage für die Statistik sind Simulationen mit zehn international validierten globalen Ozean-Atmosphäre-Klimamodellen, die im Rahmen eines weltweiten Modellvergleichs regelmäßig miteinander abgeglichen werden. Die Temperaturdaten aus diesen Simulationen und damit die Schwankungen über fast hundertdreißig Jahre fließen in die statische Auswertung durch Procast ein.

          Externe Antriebe, die das Klima beeinflussen – und dazu zählt auch der Erwärmungsantrieb durch die Zunahme der Treibhausgase in der Atmosphäre – werden dagegen herausgerechnet. Die natürliche Variabilität wird mathematisch in 24 unterschiedlichen Zuständen dargestellt.  Das „chaotische Verhalten des Systems“ lasse sich so erstaunlich zuverlässig erfassen, schreiben die Wissenschaftler, zumindest über einen Horizont von einigen Jahren. Und das auch noch sehr schnell. Eine Zehn-Jahresvorhersage der Temperaturen dauerte mit dem Procast-Modell nur Bruchteile einer Sekunde – für den gleichen Rechenvorgang musste das Vorhersagemodell des britischen Wetterdienstes Met-Office drei Monate laufen. Damit könnten quasi Echtzeit-Prognosen auch für Laien möglich werden, meinen die Klimaforscher.

          Die Prognosen in Zahlen ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass die globale Mitteltemperatur überdurchschnittlich ausfällt in den kommenden beiden Jahren, liegt bei 64 Prozent, für die Ozeantemperaturen sogar bei 74 Prozent. Vor allem die Wahrscheinlichkeit von Hitzerekorden steigt offenbar deutlich – insbesondere, wenn man die durch den menschengemachten Teibhauseffekt erzeugte Energiezufuhr noch hinzu nimmt und in rechnung stellt, dass dieses Jahr beispielsweise der (anders als im Hitzesommer 2003)  Erwärmungseffekt durch das global wirksame Klimaphänomen El Nino noch nicht einmal eine Rolle spielt.

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