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Interview mit Viola Priesemann : „Man kann Wissenschaftler sehr gut aufs Glatteis führen“

Nicht alle Mitglieder des Corona-Expertenrates genießen die Prominenz, die ihnen die Pandemie beschert hat – hier versammelt in einer virtuellen Konferenz im Dezember 2021. Bild: Bundesregierung

Die Max-Planck-Physikerin Viola Priesemann ist Mitglied des Corona-Expertenrates und öffentliche Stimme der Wissenschaft während der Pandemie. Ein Gespräch über Modelle, Medien und Öffentlichkeit.

          6 Min.

          Frau Priesemann, während der Pandemie ist die Wissenschaft öffentlich sichtbar gewesen wie selten zuvor. Manche Forscher haderten mit ihrer neuen Rolle. Hat die Wissenschaft eine kommunikative Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit?

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das ist eine schwierige Frage. Ich kann da nur über mich persönlich sprechen, und ich bin natürlich der Öffentlichkeit extrem dankbar dafür, dass sie mir meine wissenschaftliche Forschung in dieser Unabhängigkeit ermöglicht. Das ist einer der Gründe, warum ich Öffentlichkeitsarbeit in der Covid-Pandemie mache: Weil ich etwas zurückgeben möchte.

          Im vergangenen Oktober veröffentlichte die Fachzeitschrift Nature das Ergebnis einer Umfrage unter ­Wissenschaftlern, die während der Pandemie in der Öffentlichkeit standen. Gefragt wurde nach den Folgen dieser Sichtbarkeit. Die Mehrheit berichtete von negativen Erlebnissen, 15 Prozent sogar von Todesdrohungen. Wie war Ihre Erfahrung?

          Die Pandemie ist ein Thema, von dem wir uns alle wünschen, dass es nicht da wäre. Es ist eine Krise, und das ist für viele Menschen eine immense Belastung. Viele machen sich Sorgen. Von diesen Menschen bekomme ich E-Mails, und die landen komplett ungefiltert in meinem Postfach. Ich lese die, weil es mir wichtig ist, die Breite der Meinung zu sehen. Aber es ist etwas, von dem man von Zeit zu Zeit auch Abstand braucht, weil es ja sehr viele Einzelschicksale und oft auch sehr intensive Auseinandersetzungen mit dem Thema sind. Definitiv nicht alle Zuschriften sind höflich, manche sind auch sehr distanzlos. Andere dafür sehr konstruktiv und positiv. In meinem persönlichen Leben habe ich zum Glück keine Angriffe in irgendeiner Form erlebt.

          Es scheint, als seien Wissenschaftler zumindest in einigen Teilen der Gesellschaft mehr und mehr mit Misstrauen konfrontiert. Die Angst vor einer „Expertokratie“ wurde immer wieder artikuliert. Und das, obwohl Wissenschaftler gerne betonen, dass sie objektiv an die Dinge herangehen, dass sie nur Wenn-dann-Szenarien anbieten und den Leuten eben nicht sagen, was sie tun sollen. Können Wissenschaftler ihre eigenen Meinungen und Interessen denn wirklich so gut ausblenden?

          Zuvorderst ist es klar die Aufgabe der Wissenschaft, eine Wissensgrundlage und mögliche Szenarien zu liefern. Auf dieser Basis nehmen die Politik und die Gesellschaft eine Güterabwägung vor. Ist Wissenschaft damit dann komplett unpolitisch? Das sicherlich nicht, denn schon die Auswahl eines Forschungs­themas hat eine politische Konnotation. Es gibt aber nicht nur die Frage, ob ­Forschung in dem Sinne apolitisch ist. Das ist sie mal mehr, mal weniger. Es geht auch um die Frage, ob die ­Forschung neutral und objektiv ist. ­Dieser Punkt ist wichtig, denn wir haben in der Wissenschaft die Möglichkeit, unser Herangehen zu objektivieren. Wenn ich zum Beispiel ein Bayes’sches Modell aufbaue, muss ich absolut ­kristallklar formulieren, was meine Annahmen sind und was ich unter ­diesen Annahmen herausfinde.

          . . . ein Bayes’sches Modell beinhaltet Statistik, die den Einfluss der eingehenden Annahmen quantifizierbar und damit sichtbar macht.

          Genau. Damit erzeugt man diese Wenn-dann-Szenarien, die Sie angesprochen haben. Das sehe ich als Objektivierung der Wissenschaft: dass man den Stand des Wissens, die Unsicherheiten und die Annahmen glasklar aufschreibt und kommuniziert. Damit kann man dann verschiedene alternative Szenarien berechnen. Wenn all diese Szenarien zu ähnlichen Ergebnissen führen – zum Beispiel dass man früher oder später einen Lockdown braucht, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden –, dann ist das mehr als nur zu sagen: Ich glaube, wir brauchen jetzt einen Lockdown. Manchmal sind die Ergebnisse der Szenarien recht eindeutig, manchmal überwiegt jedoch auch die Unsicherheit.

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