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Versuch : Energieparadies Gotland

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Windparks: Nützlich, aber häßlich - finden selbst Gotländer Bild: dpa

Die schöne neue Welt, die ohne Öl, Gas und Kohle auskommt gibt es schon. Auf der schwedischen Insel Gotland setzt man ausschließlich auf erneuerbare Energien.

          Auf der schwedischen Vorzeige-Insel Gotland soll der grüne Traum vom Energiemix aus Sonne, Wind und Wasser Wirklichkeit werden. Der einstige Wikingervorposten in der Ostsee, die die schmucke mittelalterliche Stadt Visby beherbergt, will bis 2025 ganz ohne die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle auskommen.

          Während Skeptiker von einem Wolkenkuckucksheim sprechen, sind die wackeren Gotländer schon jetzt leuchtendes Vorbild für viele Teilnehmer der am Dienstag in Bonn eröffneten internationalen Konferenz für Erneuerbare Energien. Mit rund 58.000 Einwohnern, die sich auf 3140 Quadratkilometer verteilen, ist Gotland zwar ein kleines Versuchslabor, die Insel sei aber gerade deshalb gut für ein solches Experiment geeignet, sagt Annabritta von Schulman, die ausländischen Interessenten schwedisches Umwelt-Knowhow näherbringt.

          Ideale Voraussetzung

          Der Plan wurde 1990 geboren. Für seine Umsetzung herrschen im europäischem Windparadies Gotland mit den meisten Sonnenstunden Schwedens beste Voraussetzungen: Der Löwenanteil des Stroms wird von 159 Windkraftanlagen produziert. Bis zu einem Viertel des Energiemixes kommt aus Windkraft. Zusammen mit den Solaranlagen der Insel wird Gotland an Sonnentagen im Juli fast zum Selbstversorger. Größte Energieverbraucher ist die Cementa AB, eine der größten skandinavischen Zementfabriken: Sie schluckt rund die Hälfte der Vorräte.

          Zurzeit machen erneuerbare Energien im Durchschnitt allerdings nur rund zehn Prozent des Gesamtbedarfs auf der Insel aus. Vielleicht wäre das Ziel der Unabhängigkeit von Öl, Gas und Kohle schon früher zu erreichen, gäbe es nicht auch im fortschrittlichen Gotland Widerstand gegen bestimmt Auswüchse der Ökologie. So sind die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Windkraftanlagen vielen Insulanern ein Dorn im Auge. „Häßlich“ lauetet das oft gehörte Urteil.

          Entwicklung in großen Schritten

          Diese ästhetischen Vorbehalte haben den Prozeß zwar gebremst, doch die Behörden sind unerschrocken. „Die Entwicklung vollzieht sich nicht
          linear, sie geht in großen Schritten voran“, sagt die Vorkämpferin für erneuerbare Energien in Visby, Helena Andersson, die einen VW fährt, der aus Raps gewonnenes Benzin tankt. Mehr als 2000 Haushalte sind auch finanziell an Windkraftanlagen beteiligt; eine Geldanlage, die jährlich sechs bis sieben Prozent Verzinsung bringt.

          Zudem wird der Nachwuchs der Gotländer bereits in den Schulen mit erneuerbaren Energien vertraut gemacht. „Wenn wir die Kinder gut erziehen, gehen sie nach Hause und unterrichten ihre Eltern“, sagt die Schulleiterin von Graaba, Margareta Zetterstroem. Die gesamte Umgebung der Kinder ist geprägt vom ökologischen Umdenken. So wird etwa die Stadtbibliothek von Visby im Sommer durch Seewasser gekühlt und im Winter durch eine aus Solarenergie gespeiste Seewasserheizung gewärmt.

          Genug Solarenergie - selbst im nordischen Winter

          Trotz des nordischen Winters mit seinem kürzeren, dunkleren Tagen könnte jeder Haushalt mehr Sonnenenergie speichern, als er für Heizung, heißes Wasser und Stromversorgung benötigt. Nur sei das Speichern derzeit noch kostspielig, erläutert Umwelt-Expertin Schulman. Doch auch diese Problem werde eines Tages gelöst. Denn aus dem größten Energievorrat schöpften die Gotländer, wenn es um die Umsetzung ihrer Ideen gehe: „Wir sind gut darin“, sagt Schulman. „Das ist wirklich Gemeinsinn“.

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