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„Versehen“ des RKI : Das Wumms-Papier aus der Berliner Corona-Zentrale

Eine Mitarbeiterin des Instituts für Infektiologie Emilio Ribas zeigt den Impfstoff gegen SARS-CoV-2 des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac. Bild: dpa

Impfung im Herbst – das Schicksal meint es wirklich gut mit den Deutschen, so musste man das neue Positionspapier des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Strategie deuten. Bis der Traum ganz schnell zerplatzte.

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          Eine Welle der Euphorie, so wenigstens sah es für einen schicksalhaften Moment der Pandemiegeschichte aus, war die erste nachweisbare und akute Nebenwirkung des russischen Corona-Impfstoffs „Sputnik V“. Tag eins nach dessen fragwürdiger Zulassung gab es nämlich nicht nur viele Fragen und heftige Kritik, sondern auch große Ankündigungen. Der iranische Präsident Hassan Rouhani etwa meldete seinem Kabinett nach Angaben der iranischen Agentur Irna einen „Durchbruch in der Impfstoffentwicklung“, Donald Trump seinerseits zog sich die Spendierhose über und versprach weitere 1,5 Milliarden Dollar für hundert Millionen Impfdosen des amerikanischen Herstellers Moderna, und das sonst eher vorsichtig bis bräsige Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin kündigte völlig überraschend in einem nachmittäglichen Positionspapier zu den kurz- bis mittelfristigen Zielen der nationalen Corona-Strategie im Land die „Verfügbarkeit eines Impfstoffs (ggf. mehrerer) bis Herbst 2020“ an. Diesen Herbst also! Wow! Corona-Management mit Wumms, dachte man da noch. Wohlgemerkt: „Vorläufige Prognosen“, heißt es in dem RKI-Papier genau, „lassen das möglich erscheinen“.

          Ob dies russische Prognosen waren, ließ sich im ersten Moment nicht feststellen. Jedenfalls widersprach die hyperoptimistische RKI-Ankündigung bis zur endgültigen Auflösung des Rätsels jeder gängigen Prognose. Selbst Donald Trump, dessen mehrmaliges Versprechen, die ersten  amerikanischen Covid-19-Impfstoffe bis Anfang November verteilen zu wollen, von allen als Aufforderung zu seiner Wiederwahl im November verstanden wurde, ist längst von seinem wichtigsten Corona-Berater, dem Immunexperten Anthony Fauci, vorsichtig korrigiert worden.

          Anfang 2021 bis Mitte 2021 gilt für ihn als realistisch, letzteres Datum wurde vor wenigen Tagen unter anderem auch von der der deutschen Forschungsministerin Anja Karliczek annonciert. Die Experten der Weltgesundheitsorganisation und des in Deutschland für die Impfstoff-Zulassung zuständige Paul-Ehrlich-Instituts haben sich inzwischen ebenfalls fast durchgängig auf die Formel „Impfstoff-Zulassung im Idealfall ab Frühjahr 2021“ verständigt. 

          Es hätte also eine spannende Geschichte werden können, wenn dem RKI wirklich nennenswerte Impfstoff-Entwicklungen vorlägen, die auf eine wesentlich frühere Impfung gegen Sars-CoV-2 hindeuteten. Leider entpuppte sich das als ein „Versehen“. Das Positionspapier mit den vorläufigen Prognosen Herbst 2020 war wohl in einer viele Monate alten frühen Version des Positionspapiers online gestellt worden – versehentlich, wie gesagt, so teilte es eine Sprecherin des RKI am Mittwochabend mit. Das in den letzten Monaten mehrfach überarbeitete Dokument soll in der gültigen neuesten Version jedenfalls die überraschende Herbst-Prognose schon lange nicht mehr enthalten. Dennoch wurde die ältere Version mit dem fragwürdigen Absatz von den zuständigen RKI-Stellen freigegeben – und von der Kommunikationsabteilung deshalb auch veröffentlicht. 

          „Wir rechnen natürlich derzeit nicht damit, dass schon in diesem Herbst einer der derzeit geprüften Impfstoffe zugelassen wird“, sagte die RKI-Sprecherin. Die für das Positionspapier verantwortlich zeichnenden Fachleute im Institut würden sich das Dokument jetzt noch einmal vornehmen und dann aktualisiert wieder veröffentlichen. Wie viele der sechs Impfstoffe bis dahin zugelassen sind, die sich mittlerweile in der dritten und entscheidenden Testphase mit mehreren tausenden Freiwilligen befinden, lässt sich schwer prognostizieren.

          Unter anderem der von dem Mainzer Biotech-Unternehmen BioNTech entwickelte und mit zusammen Pfizer in Studien getestete RNA-Impfstoff liegt dabei ganz vorne mit dabei. Er kann als Referenzpunkt für weitere vorläufige Impfprognosen angenommen werden. In der international hochrenommierten Zeitschrift „Nature“ ist an diesem Tag eins nach der russischen Pseudozulassung das Ergebnis der ersten beiden Testphasen ihres Impfstoffs mit den Daten von 45 Probanden veröffentlicht worden. Fazit: Vielversprechende Antikörper-Produktion (deutlich höher als bei Patienten, die die Sars-CoV-2 durchgemacht haben), aber auch systemische, unerwünschte Nebenwirkungen bei sehr hohen Impfstoff-Konzentrationen. Die für einen Immunschutz nötige Antikörpermenge konnte in diesen ersten beiden Testphasen noch nicht genau ermittelt werden. Mehr als zwei Wochen Beobachtungsdaten wurden noch nicht publiziert. Und leider gibt es auch noch keine Daten zur Effektivität und Sicherheit bei Menschen, die älter als 65 Jahre sind, der entscheidenden Risikogruppe.

          Was den zeitlichen Horizont angeht, plädiert die deutsch-amerikanische Gruppe zwar für eine „beschleunigte klinische Entwicklung“, das rechtfertigten die ersten Testergebnisse, auch eine beschleunigte Produktion der Vakzine noch vor der offiziellen Zulassung. Was das aber in der Branche bedeuten kann, lässt sich ahnen, wenn man sich an den durchschnittlichen  Entwicklungszeiten für Impfstoffe orientiert. Die liegen bei zehn bis zwölf Jahren.

          Die BioNTech-Forscher sehen sich mit ihrem völlig neuen, innovativen RNA-Impfstoff freilich wie die anderen Covid-19-Impfstoffentwickler in einer glücklichen Position, die Entwicklung erheblich verkürzen und die nötigen Daten zu Effektivität und Sicherheit sammeln zu können, die für eine Zulassung und seriöse Beurteilung des Impfstoffs nach internationalen Maßstäben gefordert sind.

          Sechs Monate bis zwei Jahre, das ist der Zeithorizont, der in der Nature-Veröffentlichung für die Nachbeobachtung der Impfprobanden angegeben ist. Prognosen über die breite Impfstoffeinführung sind also weiter höchst unsicher. Herbstanfang, um auf die überholten RKI-Hoffnungen zurückzukommen, ist in sechs Wochen. Das zumindest ist eine sichere Prognose.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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