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Verkehrsforschung : Lieber mal Pause machen

  • -Aktualisiert am

Sekundenschlaf am Steuer hat oft schlimme Folgen Bild: picture-alliance/ dpa

Übermüdung ist die zweithäufigste Ursache von Verkehrsunfällen. Ein neues Gerät soll schläfrige Fahrer aus dem Verkehr ziehen. Der „Pupillomat“ macht die Bewegungen der Pupille zum Maßstab der Verkehrstüchtigkeit.

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          Welcher Autofahrer kennt diese Situation nicht: Die Heimreise aus dem Urlaub scheint bald geschafft zu sein, die Beifahrer schlafen längst, durch die Fenster ist außer den Rückleuchten des Vordermannes kaum etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Womöglich läuft noch die Heizung - da fällt es schwer, die Augen offen zu halten. Aber jetzt anhalten? Es sind doch nur noch knapp hundert Kilometer. Lieber mal kurz die Lider schließen.

          Meistens geht so eine Mini-Auszeit gut, manchmal jedoch findet sie ein jähes Ende an der Leitplanke oder in der Böschung. Solche Unfälle passieren häufiger, als man denkt: Nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) ist Übermüdung die Ursache für jeden sechsten Lkw-Unfall mit Schwerverletzten oder Toten. Bei den schweren Pkw-Unfällen ist der Anteil sogar noch höher: Fast jeder Vierte geht auf die Schläfrigkeit des Fahrers zurück. Damit ist Übermüdung nach zu hoher Geschwindigkeit die häufigste Ursache von schweren Unfällen, weit vor übermäßigem Alkoholkonsum.

          Fehlende Messbarkeit

          Dennoch wird sie häufig unterschätzt. Das Problem liegt in der fehlenden Messbarkeit. Anders als bei der Geschwindigkeit oder dem Alkohol gibt es kaum eine Möglichkeit, Übermüdung nachzuweisen, schon gar nicht nach einem Unfall, wenn die Beteiligten unter Schock stehen: „Das lässt sich nur durch Indizien oder durch Ausschluss anderer Ursachen feststellen“, sagt Claudia Evers von der BASt. „Es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer.“

          Ähnliche Beobachtungen macht man im Ausland: „Übermüdung am Steuer ist ein Riesenproblem“, sagt Robert Hagen aus der Abteilung Verkehr des österreichischen Bundeslandes Oberösterreich. „Wir analysieren alle Verkehrsunfälle mit Toten oder Verletzten bei uns. Bei einem Drittel gibt es keinen plausiblen Grund außer Sekundenschlaf oder Unaufmerksamkeit.“

          An der Pupillengröße ansetzen

          Um die Zahl solcher Unfälle zu reduzieren, geht man in Oberösterreich neue Wege. Die Regierung denkt an die Einführung eines „Pupillomats“. Ähnlich wie bei einer Alkoholkontrolle soll damit schnell überprüft werden können, ob ein Fahrer noch fahrtauglich ist oder ob er erst mal ein Nickerchen machen sollte.

          Die Technik dazu liefert die deutsche Firma Amtech. Sie basiert auf dem am Universitätsklinikum Tübingen entwickelten sogenannten pupillographischen Schläfrigkeitstest (PST). Er macht sich folgende Eigenart des Organismus zunutze: In völliger Dunkelheit erweitert und verengt sich die Pupille eines ausgeschlafenen Menschen ständig um bis zu einen halben Millimeter pro Sekunde. Bei Übermüdung bewegt sie sich langsamer, aber stärker.

          Nur die Hälfte ist wach

          Der Pupillomat misst mit Hilfe von Infrarotlicht und Kameras in einer abgedunkelten Brille elf Minuten lang diese Bewegungen und errechnet daraufhin einen „Pupillen-Unruheindex“. Er kann Werte zwischen 0 und 3 annehmen, wobei alles bis 1,02 als unbedenklich gilt. Menschen mit Werten von 1,03 bis 1,53 werden nur noch als „bedingt fahrtauglich“ eingestuft, solche mit Werten von über 1,53 als „fahruntauglich“. Allerdings stammt diese Klassifizierung aus Untersuchungen in Schlaflaboren. Für die Praxis muss sie noch angepasst werden.

          Dennoch hat Oberösterreich die Methode von September 2005 bis August 2006 in der bisher größten europäischen Studie zur Müdigkeit im Straßenverkehr getestet. Rund 1200 Lkw- und Busfahrer ließen sich an österreichischen Autobahnen freiwillig und ohne mögliche Sanktionen mit dem Pupillomaten untersuchen. Die Ergebnisse sind deutlich: Nur 47 Prozent der Fahrer galten als wach. 31 Prozent hingegen waren so schläfrig, dass sie nur „bedingt fahrtauglich“ waren, 22 Prozent sogar „fahruntauglich“. Bei 40 Fahrern bedurfte es nicht einmal der Auswertung der Messergebnisse: Sie schliefen während der Untersuchung ein.

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