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Verhütung weltweit : Wie selbstbestimmte Familienplanung aussieht

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Das Marie Stopes House in Tansania bietet Frauen verschiedene Verhütungsmethoden an. Illegale Abtreibungen in Hinterhofkliniken stellen hier ein großes Problem dar. Bild: Peter Marlow / Magnum / Agentur Focus

Verhütungsmittel sind zunehmend verfügbar. Trotzdem fehlt vielen Frauen weltweit der Zugang, wie eine aktuelle Studie zeigt. Das geht zulasten der Geschlechtergerechtigkeit.

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          Zugang zu modernen Verhütungsmitteln und die selbstbestimmte Familienplanung gehören zu den universellen Menschenrechten – so sieht das die EU-Kommission. Jeder sollte unter den verfügbaren Methoden diejenige auswählen können, die am besten zu seinen Lebensumständen passt, und Zugriff darauf haben – egal ob Pille, Spirale, Kondom, freiwillige Sterilisation oder andere Methoden. Das fordern auch die Vereinten Nationen, die Weltgesundheitsorganisation und viele Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen. Allerdings sieht die Realität oft anders aus. Eine der bisher umfassend­sten Studien zum Gebrauch von und zum Zugang zu Verhütungsmitteln weltweit zeigt, dass von 1,2 Milliarden Frauen im gebärfähigen Alter, die 2019 sexuell aktiv waren und nicht schwanger werden wollten, 163 Millionen keinen Zugriff auf Verhütungsmittel hatten.

          Damit konnte jede siebte Frau aus dieser Gruppe ihren Wunsch nach selbstbestimmter Familienplanung nicht realisieren, obwohl die weltweite Nutzung moderner Verhütungsmethoden in den vergangenen fünfzig Jahren von 28 Prozent auf 48 Prozent gestiegen ist. Während der Bedarf zuvor nur zu 55 Prozent gedeckt war, stieg dieser Wert auf nun 79 Prozent. Die Untersuchung ist Teil der „Global Burden of Disease Study“, die den Einfluss von Krankheiten und Risikofaktoren auf die Gesellschaften seit Jahrzehnten regelmäßig untersucht.

          Über die Zeit ist damit ein einzigartiges Bild von der gesundheitlichen Lage der Menschen und ihrer Bedürfnisse entstanden. Der Untersuchung liegen 1162 bevölkerungsbezogene Umfragen in 204 Ländern zugrunde. Die ermittelten Zahlen sind Schätzwerte. Erschienen sind die Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Lancet“. Sie zeigen, dass es beim Zugang zu modernen Verhütungsmethoden gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen gibt. Jede zweite Frau, die 2019 ihren Verhütungswunsch nicht realisieren konnte, lebte entweder südlich der Sahara in Afrika oder in Südasien.

          Sozioökonomische Vorteile einer sicheren Verhütung

          Den größten ungedeckten Bedarf haben Frauen und Heranwachsende zwischen 15 und 24 Jahren – insgesamt 43 Millionen, darunter auch viele junge verheiratete Frauen. Sie bilden die Gruppe, die am meisten von einer sicheren Verhütung profitiert, weil das Hinausschieben der Elternschaft ihnen die Möglichkeit gibt, die Schule zu beenden, eine Ausbildung zu absolvieren, sich weiterzubilden oder erwerbstätig zu sein. Dies ist mit sozioökonomischen Vorteilen verbunden, die lebenslang zum Tragen kommen und den Frauen mehr Unabhängigkeit sowie Geschlechtergerechtigkeit verschaffen und die gesundheitlichen Risiken durch ungewollte Schwangerschaften für Mutter und Kind reduzieren.

          Allerdings zeigt die Studie auch, dass viele junge Frauen und Heranwachsende ihren Bedarf auch deshalb nicht decken können, weil ihnen die richtigen Angebote fehlen. Jüngere Menschen bevorzugen Kondome und die Pille, ältere die freiwillige Sterilisation. In vielen Regionen fehlt der breite Methoden-Mix. Dort dominieren einzelne Angebote – nicht selten die Sterilisation. Ein breiterer Mix könnte mehr Menschen helfen, eine selbstbestimmte Familienplanung zu realisieren. Die Autoren um Annie Haakenstad von der Universität Washington plädieren deshalb dafür, die Daten der Untersuchung auch zu nutzen, um die Angebote in den einzelnen Regionen auf ihre Passgenauigkeit zu überprüfen. Sind sie überhaupt bedürfnisgerecht, und wo muss nachgebessert werden?

          Global unterschiedliche Verhütungsmethoden

          Dass die verwendeten Verhütungsmethoden stark variieren, geht aus den Zahlen unmissverständlich hervor. In Lateinamerika und der Karibik dominieren die freiwillige Sterilisation und die orale Verhütung, in Ländern mit hohem Einkommen die Pille und das Kondom, in Zen­tral- und Osteuropa sowie in Zentralasien die Nutzung der Spirale und des Kondoms. In Südasien verhütete die Hälfte der Frauen durch Sterilisation. In 28 Ländern verwendeten mehr als die Hälfte der Frauen dieselbe Methode. Wohnort und Alter einer Frau haben also immer noch einen erheblichen Einfluss auf die Nutzung von Verhütungsmitteln.

          Am wenigsten verfügbar sind moderne Methoden im Afrika südlich der Sahara, wo die Nutzung 2019 bei 24 Prozent und die Deckung der Nachfrage bei 52 Prozent lag. In Ostasien, Südostasien und Ozeanien nutzten zwei Drittel der Frauen Verhütungsmittel. Ihr Bedarf war zu 90 Prozent gedeckt. Schlusslicht bei der Nutzung moderner Verhütungsmittel war der Südsudan mit vier Prozent – gegenüber Norwegen mit 89 Prozent. In Deutschland lag die Nutzung bei 65 Prozent, der Bedarf wurde zu 90 Prozent gedeckt.

          Die Autoren räumen ein, dass die Untersuchung einige Limitationen hat, weil mehrere Gruppen mit nicht gedecktem Verhütungsbedarf nicht berücksichtigt wurden. Dazu gehören Frauen, die ihre sexuellen Aktivitäten aufgrund sozialer Stigmatisierung verschweigen. Auch Frauen, die wegen fehlender Verhütung sexuell nicht aktiv sind, dies aber gerne wären, fehlen. Nicht erfasst wurden auch Frauen, die mit ihrer derzeitigen Verhütungsmethode nicht zufrieden sind und sich Alternativen wünschen. Außerdem stammen die meisten Daten von Frauen, die einen festen Sexualpartner hatten. Frauen mit wechselnden Sexualpartnern waren weitaus weniger vertreten. Für Annie Haakenstad und ihre Kollegen macht die Untersuchung deutlich, dass die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln zwar enorm zugenommen hat, dass es aber noch ein weiter Weg ist, bis alle Frauen und Heranwachsenden von den sozioökonomischen Vorteilen einer selbstbestimmten Familienplanung profitieren werden. Sie fordern mehr Anstrengungen und eine passgenauere Implementierung der bestehenden Programme.

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