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Was Tier und Mensch verbindet : Eine Gemeinschaft wie im Märchen

Ein Dackel im Wintermantel: Mensch und Hund verbindet nicht der Hang zur warmen Kleidung Bild: dpa

Nähe wirkt: Menschen und Tiere im Umkreis teilen erstaunlich viele Gewohnheiten. Nur wenn es um Solidarität geht, ist der Mensch kognitiv ambitionierter. Ob das immer gilt, muss er in der Krise beweisen.

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          Der Bewegungsradius des von Psychologen als „WEIRD“ (westlich, gebildet, industrialisiert, reich, demokratisch) identifizierten Menschen modernen Typs ist nahezu grenzenlos, wie jeder weiß. Fünfzehn Kilometer sind da gar nichts. Für manche Weirds ist es deshalb schon Hausarrest, wenn sie in ihrem Welteroberungsdrang regional und vorläufig eingehegt werden sollen, nur weil akute Naturgefahren wie eine Pandemie die körperliche Unversehrtheit und das fröhliche soziale Miteinander bedrohen.

          Dabei geht der Sinn für den Ort, der uns am nächsten ist und an dem wir leben, leicht verloren. Weniger kulturell gesehen, als Ursprung diffuser Heimatgefühle, sondern als Schmelzpunkt unserer evolutionären Existenz überhaupt. Wenn es nämlich stimmt, was Toman Barsbai, Dieter Lukas und Andreas Pondorfer in „Science“ berichten, dann bildet dieser magische Ort ein paar Kilometer um uns herum so etwas wie einen ökologischen Odem, der Mensch und Tier durch unsichtbare Fäden miteinander verbindet – vermutlich schon seit Jahrmillionen. Aufgedeckt werden konnte das allerdings nicht in der hypermobilen Weird-Welt, sondern erst durch Auswertung ethnographischer Datenbanken, in denen die Lebenswelt und das Verhalten von 339 Jäger-Sammler-Gesellschaften und ihrer Mitgeschöpfe detailliert beschrieben ist. Der aufregende Befund: Mensch, Vogel und andere Säugetiere verhalten und organisieren sich quasi im Gleichtakt.

          Ob es um die Auswahl der Nahrung geht, um Vorratshaltung, die individuelle Mobilität, um Gruppengrößen oder Hierarchien, ja sogar um „Scheidungsraten“ oder die Zahl der Liebespartner – Mensch und Tier passen sich den ökologischen Gegebenheiten ihrer Heimat an, als würden sie sich gegenseitig kopieren. Die Mbuti etwa, nur ein Beispiel für dieses scheinbar weltweit gültige Schema, leben im zentralafrikanischen Regenwald quasi von der Hand in den Mund. Vorratshaltung kennen sie nicht. Das Gleiche bei den Vierbeinern: Lediglich vier Prozent der 171 untersuchten Säugetierarten im Umkreis von 25 Kilometern der Mbuti-Stämme legen sich Futtervorräte an. Selbstverständlich findet man leicht soziologische Einwände gegen die weiter gehende These, die lokalen ökologischen Wurzeln des Menschen seien dann auch Ausgangspunkt für unsere gewaltigen kulturellen Fortschritte gewesen. Kooperation im großen Stil etwa, weit über Sippengrenzen hinaus, ist etwas, was in ethnographischen und zoologischen Datenbanken dünn gesät ist.

          Wenn man so will, wurde damit einmal mehr gezeigt, dass Solidarität zu den eigentlichen kulturellen Errungenschaften der Moderne gehört. Nur hat der Weird-Mensch heute selten Lust darauf. Individualismus ist sein Ding, und deshalb hat für ihn Zusammenhalt auch Grenzen. In seiner Primitivität bleibt sich der Mensch auch in den bittersten Momenten treu.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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