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Kommentar zur Gentechnik : Pegida in Grün

Aktivisten in Berlin. Bild: obs

Sollte das ein Geschenk zur Grünen Woche sein? Die Regierung will Gentechnik auf dem Feld verbieten und demontiert dafür die Wahrheit. Wut statt Vernunft - wie viel Pegida steckt da in der Regierung?

          2 Min.

          Die Großdemonstration zum Start der Grünen Woche in Berlin war das Pegida der Wissenschaft. Wut statt Vernunft, das hat auch dieser Marsch von Zehntausenden gegen Gentechnik, Intensivlandwirtschaft und Freihandelsabkommen gezeigt, ist ein lautes und ergo probates Mittel der Öffentlichkeitsarbeit. „Wir haben es satt“, das war das zum Marschmotto gewordene Eingeständnis derer, die ach die freie Wissenschaft mittlerweile als festen Teil einer Verschwörung betrachten. Eine Verschwörung der Großkopferten gegen das Volk, eine der Mächtigen gegen ihre Bürger und eben eine Verschwörung der Wissenschaft gegen die selbstgebastelte Wahrheit der Protestler. Es ist, wenn wir die Sache der Gentechnik betrachten, eine trostlose Kumpanei von grünen Ignoranten. Darin allerdings können sie sich der Unterstützung maßgeblicher Politiker jeder Couleur durchaus sicher sein. Die sozialdemokratische Umweltministerin des Landes, Barbara Hendricks, hat sich jetzt in einem Positionspapier eine deutsche Landwirtschaft ohne Gentechnik gewünscht. Die grüne Gentechnik sei nicht willkommen im Land und sei für Umwelt und Natur riskant.

          Das Papier wurde öffentlich, nachdem das Europäische Parlament die neuen Regeln im Umgang mit der Agrargentechnik beschlossen und damit jedes Mitgliedsland die Möglichkeit erhalten hat, den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen national zu unterbinden - und zwar aus rein politischen Gründen. Mit anderen Worten: Auch als sicher bewertete Nutzpflanzen und Saatgut können künftig verboten werden. Jede Regierung hat mit dieser Ausstiegsklausel die Möglichkeit, den Anbau transgener Sorten zu verhindern. Tatsächlich haben neun EU-Länder bereits Schritte in diese Richtung signalisiert. Weil nun auch Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) einen „Flickenteppich“ mit einem Nebeneinander von Gentechnik und gentechnikfrei verhindern will und weil Schmidt andererseits weiß, dass das Nutzen-Risiko-Profil der grünen Gentechnik nicht überall so rabenschwarz gesehen wird wie in Bayern, legt er den Ländern einen Begründungsflickenteppich aus: Jedes Bundesland darf das Anbauverbot begründen, wie es will - nur die Entscheidung gegen die Gentechnik soll Konsens bleiben. Da nun solche Verbote „von oben“, einer Entmündigung nicht unähnlich, überhaupt nur dann politisch überzeugen, wenn in der rechtlichen und ethischen Abwägung allerhöchste Güter in Anschlag gebracht werden, greift man in der Koalition auf das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung zurück und dreht der Wissenschaft das Wort im Munde herum. Als würde es nicht ausreichen zu sagen: Die Menschen lehnen aufgrund anderer kultureller Leitbilder die Gentechnik ab. Lieber behauptet man weiter, die Gentechnik sei zu riskant.

          Falsches Lob für die Biosicherheit?

          Das ist das genaue Gegenteil dessen, was Forschungsministerin Johanna Wanka vor ein paar Monaten mit ihrer Bilanz der Biosicherheitsforschung als „Wissensbasis für einen verantwortungsvollen Umgang mit genveränderten Pflanzen“ bezeichnet hat. Mehr als dreihundert Forschungsprojekte seit 1987, davon mehr als die Hälfte mit transgenen Nutzpflanzen, wurden an über sechzig unabhängigen Instituten innerhalb und außerhalb der Hochschulen vorgenommen. Das Resümee war eindeutig: Im Vergleich zu herkömmlich gezüchteten Sorten gibt es kein erhöhtes Risiko - erst recht kein erhöhtes Gesundheitsrisiko. Im Land hat sich trotzdem eine andere Meinung herausgebildet. Nun kann man den Menschen sehr wohl ihre Meinung und ihre Verschwörungstheorien lassen, ohne gleichzeitig die Politik aus ihrer Verantwortung für die Wahrheit zu entlassen. Denn sie treibt damit ein doppeltes Spiel auf dem Rücken der Wissenschaft. Der Präsident der Royal Society, Nobelpreisträger Paul Nurse, hat die politische Rede gegen unpopuläres Wissen kürzlich als einen Mangel an Führungsstärke bezeichnet. Es ist mehr: die Feigheit vor den Fakten und die Kapitulation vor der Demagogie. Eine Bankrotterklärung der Aufgeklärten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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