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Sinkende Lebenserwartung : Amerika ist gebeutelt vom „Verzweiflungstod“

  • -Aktualisiert am

Ein Drogenermittler in Barberton öffnet eine Entsorgungsbox und findet tütenweise Opioid-Präparate. Bild: dpa

Dass immer mehr Amerikaner früh und jung sterben, liegt nicht nur am Missbrauch von Opioiden. Mediziner haben die jüngsten Statistiken durchforstet – und ein Bündel an Krisenursachen ausgemacht.

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          Jahrzehntelang tendierte die Lebenserwartung der Einwohner westlicher Länder nur in eine Richtung: nach oben. In den Vereinigten Staaten zeichnet sich allerdings längst seit einiger Zeit eine Kehrtwende ab, und neue Zahlen belegen: Die Lebenserwartung nimmt weiter ab. Zurückführen lässt sich dieser Trend offenbar nicht allein auf den epidemieartigen Missbrauch von opiathaltigen Schmerzmitteln.

          Die sogenannte Opiatkrise, deren Wurzeln in die neunziger Jahre zurückreichen, hat zwar landesweit zu einem markanten Anstieg der Todeszahlen geführt, und das quer durch alle Bevölkerungsschichten hindurch. Sie kann den wachsenden Rückstand der Einwohner Amerikas zu jenen anderer Industrieländer, was die Aussicht auf ein langes Leben angeht, allerdings nicht allein erklären. Welche Faktoren darüber hinaus zur sinkenden Lebenserwartung der Amerikaner beitragen, haben die Autoren der neuen Analyse im Detail erforscht. Zurückgreifen konnten Steven Woolf von der VCU School of Medicine in Richmond/Virginia und seine Kollegin Heidi Schoomaker auf die Archive mehrerer nationaler Datenbanken, jene des National Center for Health Statistics und der Centers for Disease Control and Prevention (CDC).

          Wie die Gesundheitswissenschaftler im Journal der amerikanischen Medizingesellschaft schreiben, nahm die Lebenserwartung der amerikanischen Bevölkerung – jeweils gemessen zum Zeitpunkt der Geburt – zwischen 1959 und 2016 von 69,9 auf 78,9 Jahre zu. Sie stieg damit in ähnlichem Maße an wie in anderen wohlhabenden Nationen. Sie belegte allerdings in dieser Liste seit jeher einen der unteren Ränge und rutschte dann nach der Jahrtausendwende auf den letzten Platz ab. Ihr Rückstand zur Lebenserwartung der anderen wohlhabenden Völker wurde zugleich immer größer. Einsame Spitze ist Japan. So werden Mädchen, die 2016 im Land der aufgehenden Sonne geboren wurden, im Mittel 87 Jahre alt; ihre Altersgenossen männlichen Geschlechts können mit immerhin 81 Lebensjahren rechnen. Gleichaltrige Amerikanerinnen und Amerikaner hinken diesen Werten um jeweils rund drei Jahre hinterher. Aber auch die Deutschen schneiden diesbezüglich vergleichsweise schlecht ab. So erreichen Mädchen dieser Alterskohorte voraussichtlich 83,5 und die Jungen 78,5 Lebensjahre.

          Während die Lebenserwartung der Westeuropäer, Australier, Japaner und Kanadier aber nach wie vor zunimmt, geht jene der Amerikaner seit 2014 kontinuierlich zurück. Wie aus den Analysen von Woolf und seiner Kollegin hervorgeht, liegen diesem Trend mehrere besorgniserregende Entwicklungen zugrunde. Zum einen ist die Sterberate der 25 bis 65 Jahre alten Erwachsenen seit den neunziger Jahren ständig angestiegen. Im Jahr 2010 erreichte sie einen so hohen Stand, dass sie die Lebenserwartung der Bevölkerung zum Kippen brachte.

          Was die Ursachen für die erhöhte Sterblichkeit der Erwachsenen jüngeren und mittleren Alters betrifft, konnten die Studienautoren mehrere treibende Kräfte identifizieren. Ganz oben stehen demnach eine Überdosierung von Opioiden, ein übermäßiger Alkoholkonsum und Suizide – eine Trias, die die Autoren mit dem Begriff „Verzweiflungstod“ betiteln.

          Beigetragen haben zum Rückgang der Lebenserwartung amerikanischer Bürger darüber hinaus die verbreitete Fettsucht, ein nicht oder unzulänglich behandelter hoher Blutdruck und Nierenversagen. Bei allen Störungen handelt es sich um Folgen eines ungesunden Lebensstils. So sind wenig Bewegung und eine kalorienreiche Kost die wichtigsten Treiber der Adipositas, die wiederum häufig in hohen Blutdruck und einen Typ-2-Diabetes mündet. Darüber hinaus zählt der Diabetes („Alterszucker“) zu den häufigsten Ursachen eines Nierenversagens.

          Ob es den Amerikanern gelingt, dieser Negativspirale entgegenzuwirken, bleibt abzuwarten. Die Liste an Maßnahmen, die hierzu erforderlich wären, ist lang. Wissenschaftler um Howard Koh von der Harvard-Universität in Boston sehen dringenden Handlungsbedarf. Ansonsten bestehe die Gefahr, schreiben sie in einem begleitenden Editorial, dass der Rückgang der Lebenserwartung in Amerika zu einer beunruhigenden neuen Norm wird.

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