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Gen-Analysen der Bronzezeit : Uralte Spuren von Sklaverei in Südbayern?

Hochrangige Frauenbestattung aus Kleinaitingen, „Gewerbegebiet Nord“. Der Kopfschmuck und der Bestattungsritus spiegeln die lokalen Traditionen wider, aber Isotopenwerte zeigen die fremde Herkunft. Diese Bestattung einer Frau ist eine der reichsten bekannten Bestattungen Süddeutschlands. Bild: ABK Süd

Hier Wohlstand, da bittere Armut – und das dauerhaft. Das riecht nach Sklaverei. So deuten Genforscher und Archäologen die Funde, die man in 4000 Jahre alten Gräbern am Lech gemacht hat. Ein schweres Los hatte wohl auch die Frau.

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          Herrschten im Süden Deutschlands – und womöglich darüber hinaus – lange vor der Beginn der Antike griechische oder römische Verhältnisse? Zumindest was Hierarchien, Besitzverhältnisse, Familienstrukturen und den Heiratsmarkt angeht, könnte da was dran sein. So jedenfalls interpretiert ein großes deutsches Forschungsteam von Genetikern und Archäologen seine jüngsten Ergebnisse, die auf zwanzig Jahre alte Ausgrabungen von Bronze- und Jungsteinzeitfunden im Lechtal südlich von Augsburg fußen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Archäogenetiker haben die DNA aus den sterblichen Überresten von 104 Menschen untersucht, Isotopenanalysen in von Zähnen vorgenommen und die reichen Grabbeigaben eingeordnet, die zum großen Teil der Glockenbecherkultur zuzuordnen sind.

          Das Bild, das sich daraus ergibt und in einer Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin „Science“ skizziert wurde, deutet auf ausgeprägte soziale Ungleichheiten schon vor 3300 bis 4700 Jahren hin. Die Forscher sprechen von wohlhabenden Kernfamilien wie im klassischen Griechenland oder im römischen Reich und in ihrer Publikation von deren „Sklaven“ – wobei man da natürlich angesichts der Untersuchungsgegenstände nicht ganz sicher sein kann: „Wir können leider nicht sagen, ob es sich bei diesen Individuen um Knechte und Mägde oder vielleicht sogar eine Art von Sklaven gehandelt hat", sagt Alissa Mittnik vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Sie ist Erstautorin dieser aufsehenerregenden Studie, tatsächlich aber haben viele Wissenschaftler an dem archäologisch-naturwissenschaftlichen Projekt an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften mitgewirkt. So waren etwa Philipp Stockhammer von der LMU in München und Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte sowie Forscher der Universität Tübingen an der Leitung beteiligt.

          Kelche der Glockenbecherkultur und Kupferäxte

          Zum ersten Mal hat man mit den archäogenetischen Befunden in Südbayern zeigen können, dass extreme soziale Ungleichheiten unter einem Dach schon lange vor der Antike verbreitet waren – nämlich mindestens 1500 Jahre vor den Römern.

          
Original (links) und rekonstruierte (rechts) verzierte Kupferscheibe aus einem hochrangingen Frauengrab aus Kleinaitingen.

          Die Gegend um Augsburg war seinerzeit in der Jungsteinzeit und Bronzezeit durchaus dicht besiedelt. Auch die Reichendichte war offensichtlich enorm. In den herrschaftlichen Gruften entlang der Lech jedenfalls wurden zahlreiche Kelche der Glockenbecherkultur geborgen, außerdem Kupferäxte, -dolche bei den Männern und wertvoller Kopf- und Haarschmuck bei den Frauen. Interessant war insbesondere die Analyse der sterblichen Überreste, und hier besonders des Y-Chromosoms, das nur bei Männern zu finden ist.

          Die umfangreichen DNA-Untersuchungen zeigen, dass die Männer in jedem herrschaftlichen Haushalt quasi eine Linie bildeten. Sie vererbten ihren Reichtum über viele Generationen. Mindestens über 700 Jahre, so die Forscher, seien die sozialen Strukturen in der Gegen stabil gewesen. Und sogar noch heute findet sich die Y-Chromosomenvariante aus jener Zeit in Südbayern.

          Die bronzezeitliche Dame des Hauses hingegen war jeweils nicht aus derselben Gegend. Genetische Verbindungen fand man Hunderte von Kilometern entfernt im heutigen Tschechien. Da außerdem keine leiblichen Töchter in den Familiengräbern gefunden wurden, glauben die Forscher, dass die Töchter seinerzeit fern der Heimat verheiratet wurden – dass sie das reiche Elternhaus verließen und nicht etwa wie viele der jungen Männer später wieder zurückkehrten. Auskunft über solche Abwesenheiten hat man aus den Strontiumisotopen-Analysen von Zahnmaterial  bekommen. Die Isotopenzusammensetzung gibt vor allem Hinweise darüber, ob die Menschen das gleiche Trinkwasser getrunken hatten.

          Für die armen und auch genetisch unverwandten „Hausdiener“, die auf dem Grundstück begraben wurden, gab es anders als für die Herrschaften wenig mit: In ihren Gräbern wurden keinerlei Beigaben gefunden.

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