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Uraffen-Fund in Tongrube : Die ersten aufrechten Bayern

Knochen der neuen Primatenart Danuvius guggenmosi während der Präsentation in Tübingen. Bild: AP

Wurde der zweibeinige Gang der Primaten in Europa und nicht in Afrika erfunden? Deutsche Forscher haben in den Knochen kleiner Urmenschenaffen aus einer Allgäuer Tongrube starke Indizien für ein besonderes Bewegungstalent entdeckt.

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          Berühmte Bayern dürfen schonmal urbayerische Namen haben: Danuvius guggenmosi, mit dem Vornamen (Gattung) einer keltisch-römischen Gottheit und dem Nachnamen (Art) eines bayerischen Freizeitarchäologen – Sigulf Guggenmos – ist ein prähistorischer Primate, der jedenfalls das Zeug hat, eine weit übers Bayerische hinausgehende Popularität zu erlangen. Danuvius guggenmosi nämlich war vor 11,62 Millionen Jahren ein Pionier des aufrechten Gangs und damit fünf Millionen Jahre früher dran als alle bisher bekannten Zeugnisse früher Zweibeinigkeit. Mithin also ist der im internationalen Wissenschaftsmagazin „Nature“ an diesem Donnerstag präsentierte Verwandte ein ganz besonderer Menschenaffen-Vorläufer des modernen Menschen, wie ihn die Welt bis dato noch nicht gesehen und nicht einmal vermutet hatte.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Davon jedenfalls sind die Forscher um Madelaine Böhme vom Senckenberg-Zentrum und der Universität Tübingen fest überzeugt. Der aufrechte Gang, ein zentraler Moment in der Evolution des Menschen, könnte demnach nicht in Afrika „erfunden“ worden sein, wo Millionen Jahre später die prähistorischen Menschenaffen und Menschen entstanden, sondern eben viel weiter nördlich in Europa.

          In einer ehemaligen Tongrube im Unterallgäu, als „Hammerschmiede“ bekannt, wurden die sterblichen Überreste von Danuvius vor ein paar Jahren entdeckt. Genauer: Es wurden im Laufe der Jahre ab 1995 zahlreiche erstaunlich gut erhaltene Knochen und teilweise auch Zähne von einem Männchen, zwei Weibchen und einem jungen Exemplar ausgegraben, die nicht nur außergewöhnlich robust waren, sondern auch einige ungewöhnliche Merkmale aufwiesen. Dazu gehörten die langen Beinknochen, die zusammen mit den überraschend vollständigen Gelenken für die Forscher nur einen Schluss zuließen.

          Dieser bis dahin unbekannte Affe war mindestens genauso viel auf den Hinterbeinen unterwegs wie auf den ebenfalls sehr langen, mit starken Greifhänden und robusten Fingern ausgestatteten und damit an Gibbons oder Orang-Utans erinnernden Vordergliedmaßen – was für die Wissenschaftler auf sowohl hangelnd-kletternde wie aufrecht gehende Fortbewegung hinweist. Man könnte es auf die grobe Formel bringen: Oben herum Affe, unten herum fast schon Mensch. Auch die S-förmig gekrümmte Wirbelsäure, über die so ähnlich Menschen, nicht aber die mit einer einfach gebogenen Wirbelsäule ausgestatteten Affen verfügen, deutet auf eine ausgeprägte Talentvielfalt hin. Offenbar sprang Danuvius in der klimatisch angenehm warmen und artenreichen Flora und Fauna im Miozän vom Baum und legte größere Strecken auch am Boden zurück. So jedenfalls lässt sich deuten, was Madelaine Böhme und ihre Kollegen in „Nature“ beschreiben. Von dem geschätzt dreißig Kilogramm schweren und ein Meter großen männlichen Affen sind fast ein Siebtel der Knochen erhalten geblieben.

          Man muss sich Danuvius rein äußerlich vielleicht vorstellen wie ein Verwandter der kleinen Menschenaffen, die wir als Zwergschimpansen oder Bonobos kennen. Und tatsächlich deuten Böhme und ihre Kollegen ihren Fund als eine Art gemeinsames Vorläufermodell von Menschenaffen und Menschen – mit der großen Besonderheit einer Fortbewegungsart, die sie dank der langen, extrem beweglichen Gliedmaße als „extended limb clambering“ – eine Art Langarmlangbeinklettern – bezeichnen und die man so jedenfalls bisher nicht kannte. Die Frage freilich ist: Entwickelte sich aus dieser viergliedrigen multimodalen Beweglichkeit der spätere aufrechte Gang auf den Hinterbeinen, der die ersten Vormenschen und Homo-Arten auszeichnete, die sich im südlichen Afrika entwickelten? Oder anders formuliert: Entstand unser aufrechter Gang nicht erst in Afrika, sondern er breitete sich von Europa nach Afrika aus? In ihrer „Nature“-Publikation legen die Tübinger Forscher diesen Schluss nahe: „Wir haben jetzt klare Hinweise, dass die Wurzeln im mittleren Miozän in Europa liegen.“

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