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Unterschriftenliste gegen Biogefahren : „Diese Viren sind gefährlich für die Menschheit“

Influenzaviren Bild: AP

Unter europäischen Forschern gibt es schwere Zerwürfnisse über die Zulässigkeit von Versuchen mit hochgezüchteten Vogelgrippeviren. 56 ranghohe Wissenschaftler warnen vor umstrittenen Experimenten.

          5 Min.

          Sollten wir uns vor der künstlichen Schaffung neuer hochansteckender Influenzaviren fürchten? Viren, an denen zwei Drittel der Infizierten oder noch mehr sterben würden? Auch, wenn diese Experimente im Hochsicherheitslabor stattfinden? Oder bereitet die Forschung damit den Boden für neuen Bioterrorismus? Als vor zwei Jahren zum ersten Mal darüber diskutiert wurde, weil in akademischen Labors in den Niederlanden und in den Vereinigten Staaten genau solche Versuche angelaufen waren, und anschließend auch noch ein Experimenten-Moratorium beschlossen wurde, da war für jeden eigentlich klar: Ohne eine solide und unabhängige Untersuchung der Risiken, die  mit solchen Versuchen verbunden sein könnten, können die Virenforscher ihre hochbrisanten Pläne kaum fortsetzen. Doch weder gibt es inzwischen diese Risikoabschätzung noch ein klares Meinungsbild, sondern erst einmal nur einen Krieg der Wissenschaftler um die Deutungshoheit. Seit Mitte dieser Woche gibt es eine an die Europäische Kommission gerichtete Unterschriftenliste von 56 hoch angesehenen Wissenschaftlern, die gegen eine (zum Teil gegen ihre eigene) nicht minder angesehene Fachgesellschaft - die Europäische Gesellschaft für Virologie -  und deren positive Haltung zu den umstrittenen Virenexperimenten  zu Felde ziehen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Auslöser der Unterschriftenaktion war ein Brief der europäischen Virologen-Gesellschaft vom 16. Oktober an den EU-Kommissionspräsidenten Jose Manuel Barroso und einige betroffene Kommissariate. Darin beklagt der Präsident der Gesellschaft, der Italiener Giorgio Palù aus Padua den restriktiven  Umgang mit der hochbrisanten Virenforschung und ihren Ergebnissen. Der „Dual-Use“-Charakter dieser Experimente und ein möglicher Missbrauch potentiell nützlicher Forschung komme auch in anderen Gebieten  vor, dennoch sei man sich mit dem amerikanischen  Nationalen Biosicherheitsrat NSABB einig, dass „das kein Grund sein könnte, diese Forschung zu verbreiten oder die Publikation der Ergebnisse zu blockieren“.

          Forscherin im Hochsicherheitslabor an der Universität Marburg.

          Der Virologe attackierte damit eine Entscheidung der niederländischen Behörden und eines Regionalgerichts, das im September dieses Jahres gegen die Virenforscher entschieden hatte: Die Forscher um Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam könnten keineswegs selbst entscheiden, ob ihre Manipulationsexperimente mit den Vogelgrippeviren H5N1 als Grundlagenforschung angesehen und damit von einer Ausnahmeregelung der Biowaffenrichtlinie EC 428/2009 profitieren könnten. Die niederländischen Behörden hatten im Frühjahr 2012 vor der lange Zeit umstrittenen Veröffentlichung der Rotterdamer Virenstudien in „Science“ eine Exportgenehmigung verlangt, wie sie für die Ausfuhr von waffentauglichen Exportgütern benötigt wird. Das hatte zur Folge, dass Fouchiers japanischer Kollege an der University of Wisconsin und der Tokio-Universität, Yoshihiro Kawaoka, seine H5N1-Manipulationsstudie fast zwei Monate früher, am 2. Mai in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichen konnte. 

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