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Kommentar: Klimaschutz : Die Moral der Dreckschleudern

Inseln im Meer: Fidschi steht das Wasser schon bis zum Knöchel. Bild: Picture-Alliance

Ein Appell kurz vor dem Bonner Klimagipfel: Unterschätzt bloß die Klimasünder nicht. Wie die Verhaltensökonomie die Umweltverschmutzer hochjubelt, und was Kichererbsen mit der Kohlendioxidsteuer zu tun haben.

          Auf dem bevorstehenden Klimagipfel in Bonn haben die Fidschi-Inseln die Präsidentschaft. Bonn ist leichter zu erreichen als die Fidschis. Die liegen 16.000 Kilometer weit entfernt im Südpazifik. Eine klimafreundliche Lösung also. Zudem weiß keiner, was passiert, wenn der geballte Weltklimakonferenztross wochenlang auf einer dieser paradiesischen Inseln herumtrampeln würde, die sich stellenweise nur fünfzig Zentimeter über den Meeresspiegel erheben. Bonn hatte sich da als Ausrichter angeboten, und man kann das als moralische Geste gar nicht genug würdigen.

          Mit der Moral war das bisher aber so eine Sache im Klimageschäft. Das Scheitern auf dem Kopenhagener Gipfel, buchstäblich auf der Zielgeraden für einen neuen Weltklimavertrag, war als moralisches Versagen in die Geschichte eingegangen, der Klimagipfel von Paris dagegen als moralischer Durchbruch.

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat danach die Wertvorstellungen und die moralischen Ansprüche im politischen Kampf gegen den Klimawandel wieder so weit heruntergeschraubt, dass die anderen Länder in Bonn nun krampfhaft versuchen werden, der Welt mit einem klimapolitischen „Regelbuch“ den moralischen Kompass zurückzugeben. Die Chancen stehen nicht schlecht, meinen das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Moralisches Handeln als Antrieb werde unterschätzt, speziell bei den Verursachern des Klimawandels.

          Redeverbot für amerikanische Ökobeamte

          Die Berliner Verhaltensökonomen haben das mit Kichererbsen und sechzig Studenten in Zweierteams durchgespielt. Eine Person sollte Kichererbsen in eine kleine Schale werfen. Die meisten verfehlten ihr Ziel und „verschmutzten“ die Umgebung. Anschließend hieß es aufräumen. Wenn sich der Verschmutzer mit seinem Partner gemeinsam an die Reinigung machte, erhielten beide den doppelten Lohn.

          Trotzdem entschieden sich 60 Prozent der Kichererbsen-Werfer dafür, die Verschmutzung selbst – und allein – zu beseitigen. Die Verhaltensökonomen ziehen vor solcher Moral den Hut und meinen, was mit Kichererbsen gelingt, sollte doch auch bei der Kohlendioxidsteuer funktionieren. Nehmt die Täter also in die Pflicht.

          Das freilich ist schon versucht worden. Was daraus geworden ist? Der Haupttäter beging Fahnenflucht und wurde auf Twitter gestellt: Drei Wissenschaftlern der Umweltbehörde EPA, die in diesen Tagen auf einer Klimawandel-Konferenz vortragen sollten, erteilte der von Trump eingesetzte Behördenchef jetzt Redeverbot. Wie meinte doch Nietzsche: Die moralische Weltordnung – eine Art Astrologie.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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