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Unfertige klinische Studien : Corona-Fortschritt mit Mängeln

In einem Labor in Sankt Petersburg. Bild: Reuters

In den Wirren der Corona-Pandemie glänzt die Grundlagenforschung, doch wenn es um den seriösen medizinischen Fortschritt geht, fehlen Antworten. Klinische Studien stocken. Statt dessen blühen noch immer halbgare Ideen.

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          In der Pandemie kochen mittlerweile so viele wichtige Leute ihr eigenes medizinisches Süppchen, dass man leicht den Überblick verliert, was dem Fortschritt im Kampf gegen Covid-19 dient und was nicht. Relativ leicht entkräftet wurde vor einigen Tagen die jüngste Quacksalberei des amerikanischen Präsidenten Donald Trump der mit seinem Werbefeldzug für ein Herzglykosid aus dem Oleander schnell Gegenwind im Netz spürte und sich allerhand Vorwürfe für diesen mutmaßlichen Freundschaftsdienst anhören musste. Wladimir Putin, sein russischer Amtskollege, ist da schon von anderem Kaliber. Sein geheimes Impfprojekt „Sputnik V“ hat er von vorneherein zum nationalen Prestigeprojekt hochstilisiert.

          Mit konsequenter Intransparenz hat er den Kritikern den Wind aus den Segeln genommen und so jede fachliche Beurteilung praktisch unmöglich gemacht. Klammern wir diese beiden und die diversen anderen anthroposophischen und esoterischen bis homöopathischen Versuche aus, den Menschen etwas unterzujubeln, von dem keiner sagen kann, ob es wirklich hilft, bleibt immer noch erschreckend viel an fragwürdigen Entwicklungen auf dem seriösen Covid-19-Feld übrig.

          Das Vakuum füllen jetzt Amateure

          Wir bewegen uns jetzt auf dem Gebiet der evidenzbasierten Medizin: Seit Beginn der Corona-Pandemie sind mindestens 1840 klinische Studien weltweit registriert worden, das haben kanadische Ärzte soeben im „Lancet“ zusammengetragen. Von lediglich dreißig jedoch, einem winzigen Bruchteil also, sind Ergebnisse publiziert worden. Vom rasenden Fortschritt war in den ersten Monaten zu hören. Zehntausende Publikationen sollen zum Virus und zu Corona-Maßnahmen schon veröffentlicht sein, aber wenn es um brauchbare, solide Studien für medizinische Profis geht, hinkt das System massiv hinterher. Dieses Vakuum füllen jetzt Amateure. An schlechten, schnellen, aber nicht verwertbaren Studien mit wenig belastbarer Statistik herrscht offenbar kein Mangel.

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          Dazu kommt ein Covid-19-Effekt, der in „Lancet“ beschrieben wird und den man als veritable Fortschrittsbremse benennen muss: Weil die Förderpolitik ist, wie sie ist, und weil die Corona-Maßnahmen auch den Spielraum der Forscher eingeschränkt haben, mussten schätzungsweise achtzig Prozent der klinischen Studien, die nichts mit Covid-19 zu tun haben, unterbrochen werden – einige für immer. Wer verhindert also, dass die medizinische Qualität nicht weiter erodiert? Antworten darauf wurden bisher noch keine publiziert.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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