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UN-Klimavertrag : Die Gala der vereinten Weltretter

Großer Empfang? Ein Feiertag für den Klimaschutz am Sitz der Vereinten Nationen in New York. Bild: dpa

Die Klimakarawane in Feierlaune: Am Sitz der Vereinten Nationen treffen sich heute die Staaten, um den mühsam ausgehandelten Weltklimavertrag zu unterzeichnen. Nicht jeder wird kommen, und der Erfolg ist fraglicher denn je.

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          Glanzvoll und triumphal soll die Veranstaltung werden, ein Hochfest der diplomatischen Kunst. Vor allem aber: ein Treffen ohne Verlierer. Das wäre schon nicht wenig, denn wann hat es das bei den Vereinten Nationen zuletzt gegeben?  Zumindest formal gesehen ist die Unterzeichnung des Weltklimavertrags an diesem Freitag in New York kaum mehr als eine erste juristische Beglaubigung. Denkt man allerdings an die Verhandlungen von Paris im vergangenen Dezember zurück, ist es eben doch viel mehr als dies; es ist ein Familientreffen, wie man es so wohl so schnell nicht wieder erleben kann. Eine ökologische Tafelrunde, die skurriler kaum zusammengesetzt sein könnte. Und die bisher vor allem von ihrer Symbolik des guten Willens lebt.    

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wir erinnern uns: Was waren das für unfassbare Stunden, als sich die größten Luftverschmutzer und die ökologischen Musterknaben in den Armen lagen, als sich völlig überraschend politische Erzfeinde und religiöse Eiferer, Demokraten und Autokraten in einem umgebauten Fliegerhangar am Rande von Paris gegenseitig beglückwünschten. Der Weltklimavertrag, das „Paris Agreement“, auf das man sich nach einer jahrzehntelangen Hängepartie geeinigt hatte, soll die ökologische Wende für den Planeten Erde bringen. Das ist jedenfalls der Plan. Dekarbonisierung - die Befreiung des Planeten von der fossilen Energiewirtschaft - das ist das Ziel. Vor allem die klimaschädliche Kohle und das Öl wurden in Paris endgültig, wenn auch mit Übergangsfristen, zum energetischen Auslaufmodell erklärt. Ab der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts soll die Erdatmosphäre nicht weiter mit Treibhausgasen aus Schornsteinen oder Auspuffrohren angereichert werden.

          Noch keineswegs siegessicher: Bisher hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon nur (und ausgerechnet) China und die Vereinigten Staaten an Bord.

          Plötzlich war es also da: das globales Versprechen für eine grüne Zukunft, das man nun an  diesem Freitag, offiziell am „Earth Day“, auf einer zeremoniellen Unterschriftenfeier im Hauptsitz der UN mit reichlich Siegervokabular aufwärmen wird.

          Der diplomatische Glanz dieses Erfolgs freilich ist schnell verblasst, wenn man sich vor den schwer bewachten Zäunen rund um den United Nations Plaza bewegt. Dort stehen die Mahnwachen und treffen sich die kritischen Geister. Nicht die radikalen Gegner der Klimapolitik, auch nicht die Leugner der Treibhausgasthese und des menschengemachten Klimawandels, sondern die sozial und ökologisch engagiertesten Kritiker. Diejenigen also, denen der ökologische und mit dem Klimaabkommen auch sozial angestrebte Umbau nicht schnell genug gehen kann. Diese Aktivisten bilden, zusammen mit inzwischen Abertausenden Wissenschaftlern, den Kern einer außerparlamentarischen Bewegung, die schon seit geraumer Zeit eine Art ziviler Klima-Tüv betreibt. Schwachpunkte werden gnadenlos offengelegt, Fehlentwicklungen hart und lautstark attckiert.

          Die Wegbereiter vom 12. Dezember 2015: Klimasekretariats-Chefin Christiana Figueres (l.), Ban Ki-moon, Frankreichs Außenminister und Kongresspräsident der Cop21, Laurent Fabius, sowie Präsident Francois Hollande.

          Das gilt auch für die nationalen Klimaversprechen, die sogenannten INDCs, die von bislang 161 Staaten seit dem Pariser Abschluss vorgelegt worden sind. Jeder Satz in diesen Papieren ist seit dem Pariser Abkommen auf Herz und Nieren geprüft worden, jede Ankündigung und Zahl wurden abgeklopft und daraufhin geprüft, was sie für den klimapolitischen Masterplan wirklich wert sind. Das wichtigste Ergebnis der meisten dieser Klima-Checks lautet: Gut möglich, dass die Rechnung einfach nicht aufgeht. Die Treibhausgas-Konzentrationen in der Luft sind zuletzt nochmal enorm gestiegen, die Erwärmung beschleunigt das Auftauen riesiger subpolarer Flächen mit  Permafrostböden und damit die Emission zusätzlicher Treibhausgase. Betrachtet man allein die von den Nationen bisher beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen, ist die Weltgemeinschaft auf dem Weg in eine um 3,6 Grad wärmere Atmosphäre, und selbst mit den in sämtlichen Klimaversprechen enthaltenen Schritten tendiert man allenfalls in Richtung 2,7 Grad über dem vorindustriellen Globaltemperaturwert. Das wäre am Ende noch immer deutlich mehr als die 2 Grad Maximalerwärmung, die man als Mindestziel im Pariser Abkommen festgelegt hat, und meilenweit entfernt von den 1,5 Grad, auf die man laut Klimavertrag und „angesichts der Risiken und Folgen des Klimawandels die Bemühungen“ richten will.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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