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Vor UN-Klimagipfel : Jetzt muss gehandelt werden

Weltweit wird für den Klimaschutz demonstriert. Bild: AFP

Angela Merkel und ihre Regierung reisen mit einem Plan nach New York, mit dem sie nicht als Vorkämpfer fürs Klima zurückkehren werden. Nur guten Willen zeigen – das genügt nicht mehr. Die neuen Klimaberichte sind alarmierend.

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          Nun also Sprechstunde bei den Vereinten Nationen. Es tagt der „Klimaaktionsgipfel“ drei Tage lang, beginnend mit dem Treffen einer traumatisierten Weltjugend am Sonntag. Traut euch nicht nach New York, hatte UN-Generalsekretär Antonio Guterres schon vor Monaten die Staats- und Regierungschefs gewarnt, wenn ihr nicht substantielle Angebote für höhere Klimaschutz-Ambitionen mitbringt.

          Was Angela Merkel im Gepäck hat, wissen wir inzwischen. Es entspricht in etwa dem Fortschritt, den die Klimapolitik seit den weltrettungsbeseelten Tagen von Paris vor vier Jahren insgesamt zu bieten hat: Klimaschutz in homöopathischer Dosierung. Früher, vor ein paar Jahren noch, hätte man damit noch auf einen diplomatischen Plazeboeffekt hoffen und auf der großen Bühne der Vereinten Nationen sogar Eindruck schinden können. Heute geht das nicht mehr. New York wird Merkel nicht als Vorkämpferin begrüßen, und sie wird auch kaum als solche aus Amerika zurückkehren.

          Denn es genügt nicht mehr, wenn nur die Richtung stimmt und der Wille da ist. Die Wirkung muss garantiert sein. Warum der UN-Generalsekretär darauf besteht, lässt sich an den Entwicklungen seit Paris gut zeigen, politisch wie physikalisch. Anspruch und Wirklichkeit driften immer weiter auseinander. Beispielhaft für das politische Gebrechen der Klimapolitik war der Tweet des amerikanischen Ölkonzerns Exxon, der zum Start in die Klimawoche provozierend selbstbewusst seine Erfolgsmeldung plazierte: Wir haben neues Öl in Guayana entdeckt, ließ der wichtigste Erdölpartner der amerikanischen Regierung triumphierend wissen, und: „Was für eine aufregende Energie-Zukunft Guayana hat“. Einerseits also werden Fakten geschaffen. Auf der anderen Seite gehen weltweit Millionen Menschen auf die Straße, angetrieben von der Zukunftsangst der Jugend, und fordern ein möglichst schnelles Ende eben jener Öl- und Kohleeuphorie der Vergangenheit.

          Klimabericht fordert Halbierung von Emissionen – für jedes Jahrzehnt

          Der Sprengstoff, der in dieser gesellschaftlichen wie politischen Polarisierung steckt, lässt sich in den sozialen Medien dieser Tage leicht nachzeichnen. Die Situation wird noch dadurch verschärft, dass die Physik seit den Tagen von Paris eine immer deutlichere Sprache spricht. Die Treibhausgasemissionen nehmen nicht etwa ab, wie es das erklärte Ziel aller Staaten im Pariser Abkommen war, sie haben zuletzt neue Höchstwerte erreicht. Um das Fünffache müssten die mit den nationalen Klimazielen hinterlegten Ambitionen erhöht werden, soll die Erwärmung unter dem 1,5-Grad-Ziel von Paris bleiben, so konnte es der UN-Generalsekretär am Wochenende in einem zusammenfassenden Klimabericht der höchsten umweltpolitischen Instanzen der Vereinten Nationen nachlesen. Konkret: Von 2020 an müssten die weltweiten Emissionen eigentlich jedes Jahrzehnt halbiert werden, damit die Überhitzung der Erde und die in die Billionen gehenden Folgekosten verhindert werden könnten. Die globalen Klimaziele sind noch viel dramatischer als die deutschen gefährdet. Nach dem Stand der Dinge werden die Kohlendioxidemissionen nicht einmal 2030 ihren Höhepunkt erreichen können, wie man sich auf allen Klimagipfeln der jüngsten Zeit eingeredet hat.

          Die Belastbarkeit des irdischen Klimasystems wird also mit allen zu erwartenden Konsequenzen ausgereizt. Als würden Pest und Cholera zusammenkommen, die Weltgemeinschaft jedoch schüttelt die Flasche mit den Kügelchen. Auf sechsundzwanzig Seiten haben Weltmeteorologiebehörde, UN-Umweltprogramm Unep, Weltklimarat IPCC und mit ihnen eine Reihe führender Fachverbände und -institute wie das Berliner Mercator-Forschungsinstitut die Symptome und Therapiepläne für das Weltklima ausbuchstabiert. Der UN-Generalsekretär hat die Autorität der Wissenschaft für die Lösung der Krise herausgehoben. Hoffnungen setzen auch die Klimademonstranten in die Macht der Zahlen, die sie als Alternative zu der verbreiteten Angst um die Zukunft und ihrer Appelle an die Moral sehen wollen.

          Botschaft des UN-Gipfels: Klimawende ist immer noch möglich

          Die junge schwedische Vorkämpferin Greta Thunberg selbst hat sich, noch bevor der Klimabericht zum New Yorker Gipfel bekannt wurde, in ihren öffentlichen Auftritten dafür eingesetzt, dass sich die Politik hinter die Klimaforschung stellt und Nägel mit Köpfen macht. Sie macht das wie der UN-Generalsekretär in dem Vertrauen darauf, dass die Wissenschaft nicht nur apokalyptische Thesen anbietet, sondern auch die möglichen Auswege aus der Krise aufzeigt. Tatsächlich ist es von der Politik noch gar nicht bemerkt worden, wie vorsichtig die Kalkulationen des Klimawandels ausfallen und wie viel Zuversicht noch in den Klimaprojektionen steckt. Der Fokus ist auf das Machbare gerichtet.

          Die Klimawende, das wird wohl auch die Botschaft auf dem Klimaaktionsgipfel sein, ist noch immer möglich. Wie oft wir diesen Satz freilich noch hören, das hängt allein vom guten Willen der Politik ab.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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