https://www.faz.net/-gwz-8us0s

Verseuchtes Grundwasser : Wer trägt die Schuld?

  • -Aktualisiert am

Wohin damit? Die Entsorgung von Altpapier geht manchmal krumme Wege. Bild: dpa

In Deutschlands Südwesten wurden im Grundwasser riskante Chemikalien entdeckt. Sie gelangten vermutlich mit verseuchtem Kompost aufs Feld. Aber Gerichte und Behörden tun sich schwer, die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

          Noch herrscht Winterstarre auf den Äckern rings um Baden-Baden. Der Schnee ist zwar schon fort, die Saat aber noch nicht aufgegangen. Eine Region liegt brach, und an diesem kargen Zustand wird auch der Frühling nichts ändern. Rund vierhundert Hektar Ackerboden sind mit Rückständen aus der Fluorchemie verseucht, ganze Landstriche wurden bereits aufgegeben (Sonntagszeitung vom 4.9.2016). Das Einzige, was dort im Sommer blühen wird, sind Disteln, Giersch und Löwenzahn.

          Die fruchtbare Region hat ein gewaltiges Problem: Seitdem vor vier Jahren erstmals sogenannte per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) im Grundwasser nachgewiesen wurden, macht den Kreisen Baden-Baden und Rastatt ein Umweltskandal zu schaffen. Bauern fürchten um ihre Existenz und Verbraucher um ihre Gesundheit. Boden und Wasser sind großflächig mit Substanzen verseucht, die unter Verdacht stehen, Krebs auszulösen. In welchem Ausmaß, das ist noch immer nicht absehbar. Und so wie sich die Giftstoffe in der Umwelt ausgebreitet haben, wuchsen auch Verunsicherung und Wut. Die Menschen in der Region wollen nach Jahren der Ungewissheit endlich erfahren, wer für den immensen Schaden verantwortlich ist.

          Die Antwort erhalten sie vielleicht nie. Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden hat die Ermittlungen nun Ende Januar überraschend eingestellt. Ein strafbares Verhalten sei dem Beschuldigten nicht nachzuweisen, teilten die Ermittler in einer Pressemitteilung mit. Einerseits sei einiges inzwischen verjährt, andererseits fehle der Beleg, dass tatsächlich belastetes Material auf Äcker im relevanten Zeitraum ausbracht wurde.

          Gegen die Papierfabriken wurde nicht ermittelt

          Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft hat bei Politikern, Behörden und Bürgern Unverständnis und Empörung ausgelöst. Eine Bürgerinitiative sprach von seltsamen Vorgängen und stellte ihrerseits Strafanzeige wegen Körperverletzung. Die Rastatter SPD-Fraktion kritisierte, dass die Verschmutzung des Grundwassers von der Staatsanwaltschaft nicht als besonders schwere Umweltstraftat eingestuft wurde. Zudem wunderte sie sich, dass gegen die Papierfabriken überhaupt nicht ermittelt werde. Selbst die sonst diskreten Behörden teilten in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit, man müsse mit der Entscheidung der Staatsanwaltschaft zwar leben, könne diese aber nicht nachvollziehen. „Die Behörden sind nach wie vor davon überzeugt, dass die aufgetretenen Schäden durch das Aufbringen von mit Papierschlämmen verunreinigtem Kompost verursacht wurden“, hieß es darin. Für sie lassen die Indizien nur einen Schluss zu: Es muss der Beschuldigte gewesen sein, das heißt: der Komposthändler Franz Vogel aus Bühl.

          Vogel hat längst zugegeben, tonnenweise Gratis-Kompost, dem Abfälle aus der Papierindustrie beigemischt waren, an umliegende Bauern verteilt zu haben. Er bestreitet jedoch, dass das Gemisch auch jene Fluorverbindungen enthielt, die den Umweltskandal ausgelöst haben. Der eigentliche Vorgang liegt Jahre zurück: Mitte 1999 genehmigte ihm das Umweltamt Baden-Baden die Kompostierung von naturbelassenen Holzfasern aus der Papierherstellung – und zwar ohne irgendwelche zugesetzten Chemikalien. Keinesfalls hätte Komposthändler Vogel darüber hinaus recycelte Papierschlämme annehmen und verwerten dürfen. Solche Schlämme gelten als potentiell umweltschädlich und sollen deshalb nicht auf die Äcker. Schon damals nicht, von PFC war da noch gar keine Rede.

          Weitere Themen

          Neue Erkenntnisse aus dem Erdmittelalter Video-Seite öffnen

          Fossilien-Fund : Neue Erkenntnisse aus dem Erdmittelalter

          Paläontologen in Polen haben ein Fossil eines pflanzenfressenden Säugetieres entdeckt, das der Gruppe der „Dicynodontia“ angehört, die vor 205 Millionen Jahren neben den Dinosauriern das spätere Europa durchstreiften.

          Topmeldungen

          CDU : Warum AKK nach dem Kanzleramt greifen muss

          Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Macht konsolidieren will, muss sie möglichst schnell eine Ablösung von Angela Merkel anstreben. Aber einfach wird das nicht.

          Macron und die Gelbwesten : Der ratlose Präsident

          Mit einer Rede im Fernsehen will Emmanuel Macron die „Gelbwesten“ besänftigen und mit „starken Maßnahmen auf die augenblickliche Wut antworten“. Die Hektik, mit der er vorgeht, zeigt, wie verunsichert er ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.