https://www.faz.net/-gwz-7xngf

Umweltgifte im Irak : Die Kinder der Feuergruben

Mit Giftstoffen belasteter Qualm im irakischen Kriegsgebiet Bild: Reuters

Die Weltgesundheitsorganisation hatte in ihrem Bericht Entwarnung gegeben: Keine Missbildungen bei Kindern nach dem Irak-Feldzug. Doch Forscher finden immer wieder Hinweise auf Umweltgifte. Jetzt sind es Munitionsreste im Körper schwerkranker Kinder.

          4 Min.

          Als die Weltgesundheitsorganisation vor knapp einem Jahr ihren lange erwarteten Bericht über die gesundheitlichen Folgen der Irak-Kriege veröffentlichte, wollten viele Mediziner, die vor Ort tätig sind, ihren Augen nicht trauen. In dem von einem internationalen Experten-Netzwerk  angefertigten und begutachteten Abschlussbericht stand klipp und klar: „Die Häufigkeit von Fehlgeburten, spontanen Abgängen und angeborenen Missbildungen sind nicht höher oder liegen sogar unter den internationalen Werten. Es gibt keinen klaren Hinweis auf eine Erhöhung der Fehlbildungsraten im Irak.“ Mozhgan Savabieasfahani, eine Iranierin, die damals als Umwelttoxikologin an der University of Michigan in Ann Arbor tätig war und seit Ende des letzten Irak-Krieges im Jahr 2003 zusammen mit irakischen Ärzten an der Aufarbeitung der Gesundheitsfolgen im Irak arbeitet, erhob daraufhin stellvertretend für viele ihre Stimme gegen die Schlussfolgerungen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die WHO habe nur in 18 Distrikten recherchiert, Mütter befragt, nicht richtig gemessen und teilweise das Falsche gemessen, außerdem habe man auch nicht klar die Untersuchungsmethode, sprich: das Vorgehen bei Probennahmen, offen gelegt. Kurzum: Die WHO habe sich auf mangelhafte oder jedenfalls wissenschaftlich gesehen wenig  glaubwürdige Quellen verlassen, schrieb sie im renommierten „British Medical Journal“. Fakt war: Das irakische Gesundheitsministerium hatte in einem BBC-Interview von klaren Hinweisen auf eine Erhöhte Felbildungsrate gesprochen, die WHO bestätigte das indirekt kurz darauf mit einer Pressemeldung, wonach in „Hochrisikogebieten“, den seinerzeit am meisten umkämpften Regionen des Irak,  erhöhte Fehlbildungsraten seit 2003 zu beachten seien. 

          Explosive Altlasten im Irak.

          Heute ist Mozhgan wieder im Nahen Osten, im Iran und Irak unterwegs, sie hält Vorträge wie vergangenes Jahr einige in den Vereinigten Staaten, und sie sammelt weiter Daten. In der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Environmental Monitoring Assessment“  hat sie zusammen mit irakischen Wissenschaftlern über ihre jüngsten Untersuchungen in Hawaij und Fallujah gefunden und fordert Regierung wie WHO auf, endlich ein landesweites Register zu schaffen, um endlich Klarheit zu bekommen. Denn die Erkenntnisse ihrer Forschergruppe stimmen nach wie vor nicht mit den WHO-Angaben überein. Die Umweltbelastung und die Belastung mit giftigen Metallen insbesondere der nach 2003 geborenen Kinder im Irak sei weiterhin hoch. Die Fehlbildungsrate weiterhin erhöht.

          Wo ist das abgereicherte Uran geblieben?

          Dabei geht es jetzt gar nicht mal nur um das abgereicherte Uran, das vor allem die amerikanischen Streitkräfte in ihrer Munition verwendet haben - zwischen tausend und zweitausend Tonnen, so wird geschätzt, sind auf dem Wege in die irakische Umwelt gelangt. In den Bodenproben und Städten ist es heute kaum irgendwo noch messbar. „Wir forschen weiterhin, wo genau das Uran geblieben ist“, sagt Mozhgan. Vermutlich hat es sich allerdings so wenig wie die anderen Schwermetalle und Umweltgifte, die mit dem Kriegsmaterial ins Land kamen,  in Luft aufgelöst. Jedenfalls nicht endgültig.

          Bleianreicherungen in den Milchzähnen irakischer Kinder.

          Nach Angaben des amerikanischen General Accounting Office sollen die Soldaten allein zwischen 2002 und 2005 sechs Millarden Kugeln verschossen haben.  Mozhgans Gruppe analysiert die Böden, sucht Kliniken auf und lässt die Gewebe- und Blutproben ganzer Familien untersuchen. Ihr Augenmerk liegt dabei auf die Städte, in deren Nähe die amerikanischen Streitkräfte zwischen 2003 und 2010 offene Feuergruben betrieben. In diesen Gruben, manche so groß wie ein Fußballfeld, hat die Armee altes und nicht gebrauchtes Munitions- und Kriegsmaterial, Batterien, Styropor, Asbestreste, Gummi und Plastikteile quasi wie auf wilden Verbrennungsdeponien  verbrannt. Die Emissionen aus diesen sogenannten „Burn-Pits“ sollen ein Gemisch an Giftstoffen enthalten haben, so Mozhgan , “das sich im Körper anreichert und in seiner Kombination offenbar vor allem während der Entwicklung des Gehirns im Mutterleib schlimme Folgen hat.“

          Den offiziellen Zahlen zufolge wurden in den neunziger Jahren beispielsweise in Basra im Schnitt 1,37 Missbildungen bei Neugeborenen pro eintausend Geburten registriert, im Jahr 2009 waren es 48 pro tausend.  In ihrer neuesten Veröffentlichung  über die Untersuchungen in Hawija hat sie die Metallbelastung von etwas mehr als einem Dutzend Kindern aus dem Kriegsgebiet mit den Belastungen von Kindern an der iranischen Grenze verglichen. Die Familiengeschichten wurden nach recherchiert. Ergebnis: Neben Blei, Cadmium und Arsen, das in den Haaren der Kinder mit neurodegenerativen Störungen in erhöhten Konzentrationen gefunden wurden, seien vor allem zwei Werte aufgefallen: die für Magnesium und Titan. Die Konzentrationen beider Metalle sei doppelt so hoch wie in den Haarproben der gesunden Kinder. Titan und Magnesium war zudem in anderen Untersuchungen vermehrt in den Lungen amerikanischer Soldaten festgestellt worden. Die beiden Metalle sind charakteristische Bestandteile von Munitionsmaterial.

          Titanreste in kranken Kindern

          Allerdings ist Titan - auch in der Form winziger Nanopartikel - seit langem auch Bestandteil zahlreicher Konsumartikel weltweit, angefangen in Sonnenschutzmitteln. Eine Toxizität ist auch im Hinblick auf Entwicklungsstörungen beim Menschen nicht nachgewiesen, selbst der seit einiger Zeit bestehende Verdacht, Titandioxid könnte Krebs auslösen, ist bisher nicht klar und ausreichend belegt worden. Mozhgan hält Schäden an den Nervenzellen in kritischen Entwicklungsphasen des Fötus nach einigen neueren Einzelstudien zwar für plausibel, aber einen eindeutigen kausalen Zusammenhang konnten auch die Mediziner in ihrer Arbeitsgruppe nicht überzeugend belegen. „Es ist die Kombination unterschiedlicher giftiger Verbindungen, die solche Schäden hervorruft“, ist Mozhgan überzeugt. Was nicht direkt über den Qualm eingeatmet wurde, gelange immer noch über die bei Sandstürmen eingeatmeten oder über Nahrungsmittel aufgenommenen Partikeln in die Körper.

          Im Jahr 2010 hat die amerikanische Administration in Washington per Erlass dafür gesorgt, dass die offenen Feuergruben in Stadtrandgebieten - es sollen nach älteren NBC-Recherchen mehr als zehntausend im Irak und in Afghansiatan gewesen sein - nicht mehr betrieben werden dürfen. Mozhgan will allerdings während ihrer jüngsten Reisen durchs Land beobachtet haben, dass immer noch Kriegsabfälle und Armeemüll in illegalen Feuergrupen beseitigt werden.

          Weitere Themen

          Erst Ausnahmezustand, dann Schneeschmelze? Video-Seite öffnen

          Österreichische Alpen : Erst Ausnahmezustand, dann Schneeschmelze?

          Schulen und Straßen blieben in Österreich vielerorts geschlossen, weil Lawinen und Erdrutsche dicht an bewohnte Gebiete heranreichten. Nach dem heftigen Schneefall folgt nun die Schmelze: „Das heißt für morgen Entspannung, aber keine Entwarnung", summiert ein Geologe.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.