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Umweltgifte im Irak : Die Kinder der Feuergruben

Mit Giftstoffen belasteter Qualm im irakischen Kriegsgebiet Bild: Reuters

Die Weltgesundheitsorganisation hatte in ihrem Bericht Entwarnung gegeben: Keine Missbildungen bei Kindern nach dem Irak-Feldzug. Doch Forscher finden immer wieder Hinweise auf Umweltgifte. Jetzt sind es Munitionsreste im Körper schwerkranker Kinder.

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          Als die Weltgesundheitsorganisation vor knapp einem Jahr ihren lange erwarteten Bericht über die gesundheitlichen Folgen der Irak-Kriege veröffentlichte, wollten viele Mediziner, die vor Ort tätig sind, ihren Augen nicht trauen. In dem von einem internationalen Experten-Netzwerk  angefertigten und begutachteten Abschlussbericht stand klipp und klar: „Die Häufigkeit von Fehlgeburten, spontanen Abgängen und angeborenen Missbildungen sind nicht höher oder liegen sogar unter den internationalen Werten. Es gibt keinen klaren Hinweis auf eine Erhöhung der Fehlbildungsraten im Irak.“ Mozhgan Savabieasfahani, eine Iranierin, die damals als Umwelttoxikologin an der University of Michigan in Ann Arbor tätig war und seit Ende des letzten Irak-Krieges im Jahr 2003 zusammen mit irakischen Ärzten an der Aufarbeitung der Gesundheitsfolgen im Irak arbeitet, erhob daraufhin stellvertretend für viele ihre Stimme gegen die Schlussfolgerungen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die WHO habe nur in 18 Distrikten recherchiert, Mütter befragt, nicht richtig gemessen und teilweise das Falsche gemessen, außerdem habe man auch nicht klar die Untersuchungsmethode, sprich: das Vorgehen bei Probennahmen, offen gelegt. Kurzum: Die WHO habe sich auf mangelhafte oder jedenfalls wissenschaftlich gesehen wenig  glaubwürdige Quellen verlassen, schrieb sie im renommierten „British Medical Journal“. Fakt war: Das irakische Gesundheitsministerium hatte in einem BBC-Interview von klaren Hinweisen auf eine Erhöhte Felbildungsrate gesprochen, die WHO bestätigte das indirekt kurz darauf mit einer Pressemeldung, wonach in „Hochrisikogebieten“, den seinerzeit am meisten umkämpften Regionen des Irak,  erhöhte Fehlbildungsraten seit 2003 zu beachten seien. 

          Explosive Altlasten im Irak.

          Heute ist Mozhgan wieder im Nahen Osten, im Iran und Irak unterwegs, sie hält Vorträge wie vergangenes Jahr einige in den Vereinigten Staaten, und sie sammelt weiter Daten. In der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Environmental Monitoring Assessment“  hat sie zusammen mit irakischen Wissenschaftlern über ihre jüngsten Untersuchungen in Hawaij und Fallujah gefunden und fordert Regierung wie WHO auf, endlich ein landesweites Register zu schaffen, um endlich Klarheit zu bekommen. Denn die Erkenntnisse ihrer Forschergruppe stimmen nach wie vor nicht mit den WHO-Angaben überein. Die Umweltbelastung und die Belastung mit giftigen Metallen insbesondere der nach 2003 geborenen Kinder im Irak sei weiterhin hoch. Die Fehlbildungsrate weiterhin erhöht.

          Wo ist das abgereicherte Uran geblieben?

          Dabei geht es jetzt gar nicht mal nur um das abgereicherte Uran, das vor allem die amerikanischen Streitkräfte in ihrer Munition verwendet haben - zwischen tausend und zweitausend Tonnen, so wird geschätzt, sind auf dem Wege in die irakische Umwelt gelangt. In den Bodenproben und Städten ist es heute kaum irgendwo noch messbar. „Wir forschen weiterhin, wo genau das Uran geblieben ist“, sagt Mozhgan. Vermutlich hat es sich allerdings so wenig wie die anderen Schwermetalle und Umweltgifte, die mit dem Kriegsmaterial ins Land kamen,  in Luft aufgelöst. Jedenfalls nicht endgültig.

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