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Trump, Corona, Klimafrust : Schließt die Augen, dann wird’s schon besser

Bloß nicht aufsetzen, nur vors Gesicht halten: Präsident Trump auf Besuch in einer Fabrik in Michigan im Mai 2020 Bild: Reuters

Donald Trumps Zeitreise ins Mittelalter: Wie sein antiwissenschaftlicher Kurs die Wahrheit verhöhnt, und warum die Weltwetterbehörde zu seinem nächsten Corona-Opfer werden könnte.

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          Was die Fähigkeit des Menschen angeht, sich der Vernunft zu widersetzen, braucht es prinzipiell keine Beweispflicht. Es ist ein ewiges Vorrecht der Narren, das mehr oder weniger gleichmäßig verteilt ist. Da es die meisten von ihnen allerdings vorziehen, ihre Unvernunft im Privaten zu genießen, wird nicht jede Dummheit aktenkundig. Anders liegen die Dinge, wenn öffentlich gemessen wird. Auf die Corona-Fallzahlen der Vereinigten Staaten, die sich seit Wochen wieder als steil ansteigende Kurve darstellen, hat der Präsident des Landes, der für seinen unbarmherzig-kreativen Umgang mit Messzahlen und Statistiken bekannt ist, die ihm passende Lösung vorgeschlagen: Weniger testen, dann gibt’s auch weniger Corona-Fälle und ein Problem weniger. Johann Wolfgang von Goethe hatte die passende Erkenntnis dazu auf der Zunge: „Die Vernunft des Menschen und die Vernunft der Gottheit sind eben zwei sehr verschiedene Dinge.“

          Die Logik Trumps jedenfalls führt uns also direkt zurück ins vorgoethische und vor allem ins vorgalileische Mittelalter und, übertragen auf die jüngste Meldung der Weltmeteorologieorganisation (WMO), auf einen dummen Gedanken. Die 1,5 Grad Erderwärmung, so teilte uns die WMO nach Auswertung der Langfristprognosen des britischen Wetterdienstes kürzlich mit, könnten mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent schon in den kommenden fünf Jahren überschritten werden. Derzeit liegt die Trendkurve der globalen Mitteltemperatur noch bei etwa 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau, gemessen als Mittelwert der Jahre 1850 bis 1900.

          Rechnerisch wird, das hat der Klimapionier Michael Mann zur WMO-Mitteilung klargestellt, von ein paar Ausreißerjahren abgesehen, die Welttemperatur noch auf das eine oder andere kommende Jahrzehnt unterhalb des 1,5-Grad-Mittelwerts bleiben. Doch die gegenwärtige Beschleunigung des Klimawandels kann jeder spüren. Einzelne Monate kratzen schon gefährlich an der globalen Plus-1,5-Grad-Marke, und damit rückt die erste Obergrenze, die sich die Staatengemeinschaft im Pariser Klimavertrag verbindlich verordnet hat, immer näher. Die einzige rationale Option lautet also Notbremse – und konsequenter Fortschritt.

          Sich auszumalen, wie die Notbremse nach Donald Trumps finsterem Verständnis von Solidarität aussehen müsste, braucht es nach dem Corona-Exkurs nun auch nicht mehr viel Phantasie: Hört auf, ständig die Temperatur zu messen, dann gibt es ein Problem weniger. Noch etwas wahrscheinlicher ist allerdings, dass der amerikanische Präsident seine mittelalterliche Zerfallslogik konsequent zu Ende führt. Nachdem er schon das Paris-Abkommen und der Weltgesundheitsorganisation gekündigt hat, könnte er auch noch die Weltmeteorologieorganisation verlassen. Was kümmert den Amerikaner auch das Wetter der anderen?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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