https://www.faz.net/-gwz-8wcj6

Trumps Klima-Erlass : Er hat ein Herz für Dinos und Gift für Ökos

Menschengemacht? Hitzewelle 2010 in Russland. Die Luft in und um Moskau war mit Ruß und Partikeln aus den tobenden Bränden in der Taiga erfüllt. Bild: AFP

Obamas grünes Erbe wird abgewickelt. Mit seinem Klima-Dekret dreht Trump die umweltpolitische Uhr zurück. Das ist Gift für den Planeten, der auch am Tag des Ökorückfalls neue Hiobsbotschaften zu verkraften hatte.

          5 Min.

          Jobs! Jobs! Jobs! Amerikas Präsident Donald Trump Twitterfrühstück heute morgen war gerettet, Ford investiert angeblich in drei seiner Werke in Michigan. Noch größere Genugtuung verschaffte sich der Präsident ein paar Stunden später mit der Einlösung eines anderen Wahlversprechens in den Räumen der Umweltbehörde EPA: das radikale Zurechtstutzen der seiner Ansicht nach „außer Kontrolle“ geratenen Umweltpolitik seines Vorgängers Obama mit dem „Dekret über die Energie-Unabhängigkeit“. Darin enthalten: die Rücknahme des Clean Power Plans, Kernstück der Klimaschutzpolitik Obamas aus dem Jahr 2015. Dieser Erlass sollte durch Schließung Hunderter alter Kraftwerke die Treibhausgasemissionen des weltweit zweitgrößten Kohlendioxidemittenten begrenzen, und tatsächlich machte es am Ende sogar den Weg frei für das weltumspannende Klimaabkommen von Paris. Politisch setzt Trump nun die Gegeninitiative in der gleichen Weise um, wie Obama seinerzeit die Umwelt-Blockade der Republikaner im Parlament umschiffte: per „Executive Order“. Trumps Begründung auch hier wieder: Jobs, Jobs, Jobs – und die Hoffnung auf sinkende Energiepreise. 

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Grundlage für Trumps Energiewende zugunsten der fossilen Energieträger war insbesondere die „NERA“-Studie aus ebenjenem amerikanischen Ökowendejahr 2015, die von einem großen Beratungsbüro erstellt und von der „American Coalition for Clean Coal Electricity“ bezahlt worden war – Kohleindustrielobbyisten eben. In der im November 2015 veröffentlichten Studie werden die Folgen der von Obama verpflichtend vorgeschriebenen und dem Umweltbundesamt EPA umgesetzten Abgasminderungen skizziert: Bis 2031 wurde unter anderem ein Rückgang der Kohlendioxid-Treibhausgase um 36 bis 37 Prozent verglichen mit dem Jahr 2005.

          Obamas grüne Politik hätte gewirkt, Obama konnte sich in seinen nationalen Klimaschutzzielen bestätigt fühlen. Doch der entscheidende Teil der Rechnung, die man in der Kohleindustrie aufmachte, folgte im ökonomischen Hauptteil der Studie. Fast 40 und damit drei Viertel der amerikanischen Bundesstaaten müssten nach diesen Prognosen bis 2033 eine Steigerung der durchschnittlichen Energieabnahmepreise um 10 Prozent („oder mehr“) rechnen, 17 Staaten plus 17 Prozent („oder mehr“), zehn Staaten von mehr als 30 Prozent („oder mehr“). Volkswirtschaftliche Kosten der Kohlekraftwerkschließungen und Umbauten: etwas mehr als 70 Milliarden Dollar.

          Zugrunde gelegt waren damals allerdings pessimistische Produktivitäts- und Investitionsannahmen etwa auf Seiten der sauberen, regenerativen Energien, die einer unabhängigen Nachprüfung in diesem Januar nicht stand gehalten haben. Sonne- und Windenergie haben deutlich schneller an Kapazitäten zugelegt als viele geglaubt haben – eine Entwicklung, die auch in den wichtigsten Wettbewerbsländern wie etwa in China und sogar besonders anschaulich im Ölförderbundesstaat Texas zu beobachten ist.

          Die Wiederauferstehung der Kohlekraft als Energielieferant?

          Präsident Trump allerdings hat seinen Wählern und Wahlunterstützern aus der Industrie Entlastung von einer restriktiven Klima- und Luftreinhaltepolitik versprochen. Was im ersten Schritt zu gewaltigen Budgetkürzungsvorschlägen für die entsprechenden Behörden – EPA sowie die entsprechenden Klimaforschungsdepartements der Nasa – geführt hat. Damit ist der Klimaschutz zwar nach übereinstimmender Meinung selbst der Umweltgruppen im Land noch keineswegs abgeschafft, der private Boom mit sauberen, klimafreundlichen Techniken hält offensichtlich weit über dem Vorzeigestaat Kalifornien hinaus an. Aber das „Fossil des Jahres“, das berüchtigte Versager-Label der Ökogruppen auf den Klimakonferenzen, ist ihm damit sicher. Tatsächlich werden im grünen Sektor längst täglich neue Arbeitsplätze geschaffen, „Hunderttausende allein in Amerika“, zählt Greenpeace-Geschäftsführerin Sweelin Heuss vor. Freilich ist die Zahl der Jobs in der naturgemäß noch jungen Branche geringer ist als in den als „Dinosaurierbranchen“ verschrienen Bereichen Kohle, Öl und Gas. 

          Trump ficht das nicht an. Er weiß: Die Wirkung seines ökopolitischen Rückwärtssaltos auf offener diplomatischer Bühne wird gefürchtet – und genießt den politischen Triumph. Schon bei den jüngsten G-20-Verhandlungen waren Vorstöße, welche die Finanzierung des in Paris ausgehandelten Klimafonds absichern sollten, von den amerikanischen und arabischen Unterhändlern blockiert worden. Doch die Befürchtungen sind nicht nur abstrakter politischer Natur, sie sind nach dem Dafürhalten der Experten sehr real und sehr akut. Woche für Woche wächst das Wissen um die Gefährdungen durch einen galoppierenden Klimawandel. Vor allem die Aneinanderreihung von potentiell bedrohlichen Ereignissen und Phänomen, die man nicht auf der Rechnung  hatte, macht den Wissenschaftlern inzwischen Sorge. An erster Stelle gehört dazu das Abschmelzen der Polkappen, die Negativrekordjagd von Jahr zu Jahr. Sie übertrifft inzwischen deutlich die mit Hilfe von Klimamodellen errechneten Prognosen. Hier sind physikalisch schwer kalkulierbare Rückkoppelungen im Spiel, Verstärkereffekte gewissermaßen, die man mit den üblichen Methoden schwer erfasst und die die Erwärmung beschleunigen.

          Megafluten im August 2010 kosteten vielen Pakistani das Leben.

          Was unstrittig ist: Statistisch gesehen wird die Welt mit steigenden Treibhausgaskonzentrationen in der Luft sukzessive wärmer, mit mehr oder weniger starken Schwankungen über die Jahrzehnte. Was aber vor allem frappiert, sind die plötzlichen Sprünge, das Auftreten unvorhergesehener Prozesse, die den ganzen Vorgang beschleunigen. In dieser Woche sind es die Extremwetterereignisse wie Hitzewellen und Überflutungen durch Starkregen, die in die Schlagzeilen drängen, weil sie nicht nur unerwartet in vielen Regionen, sondern auch mit besonderer Wucht kommen Seit einigen Jahrzehnten ist schon zu beobachten, wie sich solche potentiellen Katastrophenwetterlagen am oberen Ende der Skala häufen – meteorologische Ausnahmeereignisse, die nach einer Erklärung verlangen.

          Klimawandel-Hotspot Arktis: Das Eis wird knapp, die Zeit auch.

          Krasse Beispiele mit zahlreichen Todesopfern waren die Hitzewelle in Europa im Jahr 2003, die Fluten in Pakistan sowie Hitzewellen in Russland 2010 oder die Extremdürre in Texas 2011. Auch nach den  wochenlangen Kälteeinbrüche in Nordamerika mit Blizzards bis nach Florida vor wenigen Jahren standen die Wissenschaftler vor einem Rätsel. In der Wissenschaftszeitschrift „Scientific Reports“ präsentiert jetzt eine internationale Gruppe von Klimaforschern mit Michael Mann an der Spitze sowie Stefan Rahmstorf und Kai Kornhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung eine Erklärung, die für die klimatische Zukunft des Planeten wenig Gutes verheißt. Darin geht es um eine These, über die schon länger spekuliert wird, die aber schwer mit Satellitendaten zu belegen ist, weil die Messreihen noch nicht weit genug zurückreichen, um statistisch zweifelsfreie Aussagen machen zu können.

          Die Forscher haben deshalb nach einem „Klima-Fingerabdruck“ mit Computersimulationen an Dutzenden Klimamodellen gesucht. Ein Verfahren, das sich zumindest für andere Indikatoren des Klimawandels, etwa die polaren oder alpinen Eisschmelzen, längst bewährt hat. Diesmal hat man sich die sogenannten „planetaren Wellen“ betrachtet. Das sind hoch über dem Erdboden tobende gigantische Luftströme, die die Erde zwischen Polarkreis und den Tropen umkreisen und dabei wellenförmig schwingen. Diese Wellen beeinflussen das Wetter mitunter gewaltig.

          Was man in den vergangenen Jahren immer wieder beobachtet hat, ist, dass diese planetaren Wellen immer öfter quasi stehenbleiben und seltsam mäandern. Und zwar so, dass die Wellen bis in tiefere Regionen Ausläufer bilden, quasi „stehende Wellen“, die eine bestimmte Wetterlage mitunter über Wochen festhält. Ursache dafür könnten die Temperaturen sein. Die kalte Arktis in der Nordhalbkugel etwa erwärmt sich deutlich schneller als die milderen Breitengrade. Folgen: Die Temperaturunterschiede fallen kleiner aus. Zudem erwärmen sich Landmassen schneller als die Ozeane, und als Folge dieser Temperaturentwicklung könnten sich die Luftströmungen in der oberen Atmosphäre verändern. Für ihre Klimamodelle haben die Forscher deshalb lange Temperaturmessreihen bis tief ins 19. Jahrhundert zu Grunde gelegt und die Reaktion der Wellen ermittelt.

          Fazit: Fast drei Viertel der Simulationen zeigen zumindest für die Sommerereignisse, dass es wohl genau diese durch den Klimawandel verursachten Temperaturangleichungen zwischen Nord und Süd sind, die die großräumigen Verschiebungen der Luftströme verursachen. Durch die „stehenden Wellen“ oben in der Atmosphäre können so aus Sonnentagen heftige Hitzewellen werden. Verräterisch ist für die Klimaforscher vor allem auch der zeitliche Verlauf der Luftstrom-Dynamik auf der Nordhalbkugel: „Dass der Jetstream sich öfter über lange Zeit stark windet, ist ein recht neues Phänomen“, heißt es in der Mitteilung der Forschung. Die größten Veränderungen in den Simulationen sind demnach in den vergangenen vier Jahrzehnten aufgetreten. Das deckt sich mit der Anhäufung von Treibhausgaskonzentration und dem Verlauf des Klimawandels in der Natur.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.
          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.