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Trumps Prophylaxe : Die gefährlichen Pandemie-Pillen

Why not? Werbung beim Abendessen im Weißen Haus: Trumps Bekenntnis zur Covid-19-Prophylaxe mit einem Malaria-Mittel. Bild: EPA

Die Prahlerei des amerikanischen Präsidenten über die selbstgewählte Virus-Prophylaxe mit einem Malaria-Mittel lässt tief blicken: Wie viel Vernunft steckt noch im Pandemie-Management Washingtons?

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          Er hätte es auch mit Desinfektionsmittel versuchen können. Darauf immerhin hat Donald Trump verzichtet. Ob er damit allerdings tatsächlich dem Rat seiner Ärzte gefolgt ist oder vielleicht doch seinem berühmten Bauchgefühl, das in letzter Instanz auch ihm hätte sagen müssen, dass hochprozentige Handwaschmittel sicher schwer im Magen liegen, ließ der amerikanische Präsident offen. Fest steht: Auf den fundierten Rat wissenschaftlich geschulter Ärzte pfeift der amerikanische Präsident. Und das gilt auch für Warnungen seines in der Öffentlichkeit hoch geschätzten Pandemie-Beraters und Immunologen Anthony Fauci.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dessen Rat, mit einer Therapieempfehlung zugunsten des Malaria-Mittels Hydroxychloroquin zu warten, bis genügend wissenschaftliche Evidenz für eine Wirkung gegen die Lungenkrankheit Covid-19 vorliegt, hat Trump einmal mehr in den Wind geschlagen. Mehr noch: Trump nimmt das Mittel zur Prophylaxe, seit anderthalb Wochen, wie er sagte. Er habe „viele gute Geschichten“ über das Medikament gehört und sich deshalb entschlossen, das Mittel regelmäßig zur Vorbeugung einzunehmen.

          Er hätte damit seinen Beratern auch gleich kündigen können. Denn was die derzeit über das Malaria-Mittel nun schon seit Monaten in diversen Studien rund um die Welt im Kampf gegen Covid-19 zusammentragen, widerspricht allen guten Geschichten Trumps. Es ist von den vier antiviralen Wirkstoffkandidaten die vielleicht größte Enttäuschung. 

          Chloroquin und dessen etwas später entwickeltes Derivat Hydroxychloroquin sind seit Jahrzehnten auf dem Markt, also längst als Medikament zugelassen, wenn auch nicht als Substanzen, die Viren abtöten, sondern als Mittel zur Malaria-Prophylaxe und gegen schwerwiegende Autoimmunkrankheiten wie rheumatoide Arthritis. Während der Sars- und Mers-Epidemien vor siebzehn und acht Jahren, als händeringend nach neuen antiviralen Substanzen gesucht wurde, hatte man festgestellt, dass die Mittel zumindest in Zellkulturen effektiv die Vermehrung vieler Viren – eben auch der Coronaviren – hemmen können. Die Mittel verhindern offenbar den Eintritt der Viren in die Zellen, und sie sollen, so leitete man aus früheren Erfahrungen ab, das Immunsystem günstig beeinflussen. Gleichzeitig aber sind die Nebenwirkungen in höheren Dosen berüchtigt: von Herzproblemen bis zu psychiatrischen Effekten und Netzhautablösungen.

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          Antiviral gewirkt hatte das wegen seiner Verträglichkeit inzwischen häufiger verkaufte Hydroxychloroquin aber auch nur in hohen Dosierungen. Und so wurde es in den ersten chinesischen Anti-Corona-Tests in Wuhan eingesetzt. Bald darauf auch in anderen Ländern. Es waren fast alles schlichte, kleine Beobachtungsstudien, ohne jede Basis, um statistisch abgesicherte Aussagen über Wirkung, Dosierung, Sicherheit und Nebenwirkungen machen zu können. Seriöse, kontrollierte und damit aussagekräftige Vergleichsstudien waren das alles noch nicht. Und auch dann nicht, als der amerikanische und wegen einer französischen Studie auch Frankreichs Präsident Macron ein erstes gutes Wort für die Malaria-Mittel („Wundermittel“) einlegten. Patientenverbände und Ärzteorganisationen warnten umgehend, die präsidiale Propaganda könnte zu einem Ausverkauf der Mittel und zu schweren pharmakologischen und gesundheitlichen Kollateralschäden führen, weil die Menschen die Mittel wie in der Malaria-Anwendung prophylaktisch einnehmen und über Wochen oder Monate nehmen könnten. Den bedürftigen Rheumapatienten würde gleichzeitig eine der wichtigsten Behandlungsoptionen verlorengehen.

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