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Twitter-Glosse : Trump heilt Krebs

Wahlkampf vor dem King Jesus International Ministry in Miami vor wenigen Tagen. Bild: AP

Immer mehr Amerikaner überleben eine Krebserkrankung. Der Trend hat dort bereits vor 26 Jahren begonnen. Trotzdem lässt sich der amtierende Präsident dafür feiern. Gehört Heilung jetzt auch zu Trumps Wahlversprechen?

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          Wer seit gestern Abend auf Donald Trumps Wahlkampfkanal Twitter nach @realDonaldTrump suchte, bekam zwischenzeitlich an zweiter Stelle den Zusatz „Jesus“ angezeigt. Allerdings wechselte sich der Begriff mit „Iran“ und “Greta“ ab. Dass Jesus sich so schwer tut im Kampf mit seinen beiden größten Feinden um die Gunst der Twitternutzer, kann Donald J. Trump („J.“, wohlgemerkt steht vorerst noch für John) leicht verschmerzen. Immerhin hat es ihn nicht mehr als einen kurzen Tweet und ein paar läppische Stunden Wartezeit gekostet, seinen Fuß in die Tür zum Allerheiligsten zu bekommen. Der Tweet lautete: „Die amerikanischen Krebssterberaten sind auf einem historischen Tiefststand. Viele gute Nachrichten, die diese Administration hervorbringt.“  Die erste Reaktion kam von einem Investorfan, @RampCapitalLLC: „Vielen Dank, dass Sie Krebs heilen!“  Danach konnte Trump unbekümmert abheben, sein Wahlkampfflieger startete wenig später Richtung Toledo, Ohio. Seine Heilsbotschaft war angekommen. Honoriert wurde das natürlich nicht von allen.

          Die American Cancer Society, die von Trump vor nicht einmal einem Jahr mit drastischen Budgetkürzungsplänen für das Nationale Krebsforschungsinstitut aufgeschreckt worden war, hielt still. Doch die Ärzte und Forscher ließen kein gutes Haar am republikanischen Heilsbringer. Seit sechsundzwanzig Jahren, so viel sei zu den Zahlen aus der aktuellen amerikanischen Krebsstatistik gesagt, sinken die Krebssterberaten im Land. Damals war George Bush Senior im Amt und Donald Trump als Spielcasino-Investor angeblich bei einer privaten Verschuldung von mehr als drei Milliarden Dollar angekommen. Seine Schulden waren quasi mit den Krebssterberaten bis zum Höhepunkt Anfang der Neunziger gewachsen. Was die Krebsmedizin angeht, lässt sich heute ziemlich gut rekonstruieren, wie es danach weiterging. Die Behandlungsmöglichkeit einiger Krebsformen verbesserte sich (wie fast überall im Westen) dank der Fortschritte in der Molekularbiologie, Pharmakologie und Bildgebung sukzessive, vor allem früh erkannte Tumore wurden immer besser heilbar, Kindertumore, aber auch Brustkrebs. Ein Drittel weniger Krebspatienten müssen heute an ihrer Krankheit sterben.

          Zuletzt, so lässt die Amerikanische Krebsgesellschaft in ihrer neuen Krebsstatistik wissen, nämlich zwischen 2016 und 2017, gab es einen Sprung von 2,2 Prozent, der Fortschritt in der „individualisierten“ Lungenkrebstherapie schlage bereits zu Buche, und die Tabakprävention zahle sich nach Jahrzehnten  endlich aus. Trump kam erst im Januar 2017 ins Weiße Haus. Aber immerhin sein erster Wahlkampf lag noch im glorreichen Jahr, als die Krebssterberaten den Sprung machten.

          Das Aufmöbeln der  Krebsstatistik hatte er als Wahlkampfversprechen seinerzeit zwar noch verpasst. Aber das lässt sich in seiner heutigen Position selbstverständlich leicht nachholen. Wenn weniger Amerikaner an Krebs sterben, sagt sich wohl Donald J. Trump, kann das Wahlvolk doch wohl auch leicht verschmerzen, dass Umweltschutzgesetze gekappt werden und die Zahl vieler Krebsdiagnosen steigt. Schlechte Nachrichten muss man den Leute ja nicht unter die Nase reiben – nicht, wenn man so eng mit dem Allmächtigen im Bundes ist.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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