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Trotz Lawinenunglück : Zwei Frauen wollen allein auf den Everest

  • -Aktualisiert am

Gegen die „Everest-Mafia“: Die Amerikanerin Cleo Weidlich will ihre Grenzen am Berg selbst finden Bild: Explorersweb

Trotz des Streits nach der Todeslawine fliegen Cleo Weidlich und Wang Jing ins Lager II. Sie wollen den Mount Everest besteigen - auch ohne Sherpas. Die beiden Frauen läuten eine Zeitwende am höchsten Berg der Erde ein.

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          Die Saison auf der Südseite des Mount Everest geht weiter. Auch wenn die allermeisten Expeditionen abgereist sind, der überwiegende Teil der Bergsteiger mittlerweile wieder zu Hause ist und einige auf Dhaulagiri und Makalu ausgewichen sind: Zwei Frauen haben ihre Ziele weiter vor Augen. Ihrem Beispiel folgend wollen nun auch Bergsteiger aus Malaysia, China, Peru und Rumänien an den Mount Everest zurückkehren.

          „Ich werde mich nicht dem Druck der Everest-Mafia beugen. Ich will selbst entscheiden, wann ich meine Grenzen erreicht habe“, wird die amerikanische Höhenbergsteigerin Cleo Weidlich auf Explorersweb zitiert. „Ich möchte euch mitteilen, dass ich meinen Besteigungsversuch im Everest-Massiv fortsetzen werden, sei es mit oder ohne Leitern“, sagt die Einundfünfzigjährige, die 2010 auf dem Mount Everest stand und beim Abstieg vom Kangchendzönga 2011 fast ums Leben kam. „Ich habe einige der gefährlichsten Berge der Welt ohne Leitern bestiegen, und der Lhotse ist im Vergleich zu Nanga Parbat, Annapurna und Kangchendzönga sehr zahm.“

          Cleo Weidlich will den Lhotse (8516 Meter) besteigen – die 40 Jahre alte Chinesin Wang Jing hat weiter den Mount Everest im Blick. Die Normalrouten beider Berge führen über den berüchtigten Khumbu-Eisbruch, wo bei einem Lawinenabgang am 18. April 16 einheimische Bergführer ums Leben kamen, durch das Western Cwm die Lhotse-Flanke hinauf. Auf dem Everest-Südsattel trennen sich die Routen. Die Chinesin, Besitzerin der Outdoorbekleidungs-Firma Toread, will die sieben höchsten Berge der Kontinente und die zwei Pole erreichen und einen Rekord brechen.

          Sieben Sherpas für die Südseite

          Nach dem Abzug der Expeditionen von der Südseite hatte sie sich um eine Erlaubnis für die Nordroute auf tibetischer Seite bemüht. Weil sie die nicht bekam, hat sie sieben Sherpas für die Südseite engagiert. Gemeinsam mit ihnen wurde sie am Wochenende von einem Hubschrauber in das Lager II (6400 Meter) am Fuß der Lhotse-Flanke gebracht. Schon einen Tag zuvor flog Cleo Weidlich ebenfalls dorthin. Sie will den Lhotse im Alleingang bezwingen. Vor dem Hubschrauber-Flug soll es zu einem Disput mit dem Sherpa gekommen sein, der sie begleiten sollte.

          Cleo Weidlich und Wang Jing haben ein Tabu gebrochen und damit eine Zeitenwende am Everest eingeläutet. Unerheblich wird dabei sein, ob die beiden Frauen eine Erlaubnis für die Hubschrauber-Flüge beim Tourismusministerium eingeholt haben. Hubschrauberflüge oberhalb des Basislagers sind nur bei Rettungseinsätzen erlaubt. In diesem Jahr wurde eine Ausnahme für den Abtransport von Ausrüstung von den Lagern II und I ins Basislager gemacht. Wegen der unkalkulierbaren überhängenden Eistürme und tiefen Spalten im schnell fließenden Khumbu-Eisbruch wird schon seit einiger Zeit darüber nachgedacht, nicht nur dauerhaft Essenszelte und andere Ausrüstung im Lager II zu deponieren.

          Zudem haben einige Agenturen vorgeschlagen, die Gefahrenzone mit einem Hubschrauber-Shuttle in das Western Cwm zu überbrücken. Vor Beginn der Saison hatte der neuseeländische Expeditionsveranstalter Guy Cotter um die Erlaubnis gebeten, vier Tonnen Ausrüstung mit Hubschraubern über den Eisbruch hinauf transportieren zu dürfen. Die nepalesischen Behörden verweigerten ihm aber im Januar die Erlaubnis. Warum sollten nicht eines Tages auch Bergsteiger vom Basislager mit dem Hubschrauber direkt an den Fuß der Lhotse-Flanke gebracht werden?

          Auseinandersetzungen gehen weiter

          Diese Aussicht wird die Diskussion über das Bergsteigen am Everest befeuern. Die nahezu durchgängige Seilversicherung vom Basislager bis zum Everest-Gipfel lässt schon jetzt am Ausmaß der bergsteigerischen Herausforderung zweifeln. Unterdessen gehen die Auseinandersetzungen nach dem Lawinenabgang weiter. Wie Expeditions-Agenturen bestätigen, sollen Sherpas mit maoistischem Hintergrund und guter Vernetzung in sozialen Medien die Saison auf der Südseite des Everest zum Erliegen gebracht haben. Maoisten führten zehn Jahre lang einen Guerrillakrieg in Nepal und bedrohten die Bevölkerung. Der Drohkulisse, die einige Sherpas im Basislager aufbauten, konnte die von moderaten Sozialisten angeführte Regierung nichts entgegensetzen.

          Auch ein Besuch des Tourismusministers im Basislager brachte die Sherpas nicht zum Einlenken. Einen Tag später packten die meisten Expeditionen ihre Sachen. Der blinde österreichische Bergsteiger Andy Holzer hoffte bis zum Schluss, dass die Expedition weitergehen würde. Doch nachdem die Trauerwoche vorbei war und die Sherpas wieder in das Basislager zurückgekehrt waren, wurde auch seine Expedition vom Veranstalter beendet.„Wir Bergsteiger wurden indirekt bedroht“, sagt Holzer. „Wenn wir versuchen würden, mit unseren Sherpas den Eisbruch hinaufzuklettern, dann würden wir spätestens bei unserer Rückkehr was erleben, hieß es.“ Wer zu viel Kritik übt, setzt sich echter Gefahr aus.

          Vor allem jene, die noch einmal an den Mount Everest oder Lhotse wollen, möchten den Streit nicht mit unvorsichtigen Äußerungen befeuern. Der italienische Extrembergsteiger Simone Moro bekam die Spannungen schon im vergangenen Jahr zu spüren, als Sherpas ihn, den Schweizer Ueli Steck und den britischen Fotografen Jonathan Griffith in der Lhotse-Flanke angriffen. Moro möchte sich zu den Drohungen Ende April im Basislager nicht äußern. „Ich liebe die Sherpas und Nepal trotz allem“, sagt Moro. Er hofft, dass sich die Situation am Fuß des höchsten Berges der Welt normalisiert.

          Denn das Vorhaben, gemeinsam mit Ueli Steck Everest und Lhotse zu überschreiten, was bislang noch niemandem gelungen ist, hat er noch nicht aufgegeben. Auch Andy Holzer will an den Everest zurückkehren. Allerdings mit Einschränkungen. „An die Südseite, zum Khumbu-Eisbruch, werde ich beim nächsten Versuch nicht mehr gehen. Nicht, weil ich Angst vor dem Eisbruch habe. Aber ich bin mir sicher, dass es auch im nächsten Jahr immer noch köchelt zwischen den Sherpas, der Regierung und uns Bergsteigern. Mein Versuch wird mich an die Nordseite dieses wunderbaren Berges führen.“

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