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Ursache Klimawandel? : Treibhausgase trugen mächtig zur Juni-Hitze bei

Rekorde auch am Lansersee in Tirol: In Österreich brachte die Saharahitze den wärmsten je gemessenen Juni-Monat. Bild: dpa

Der Klimawandel hat einen beträchtlichen Anteil an der Hitzewelle Ende Juni. Mindestens fünfmal so wahrscheinlich sei das Extremwetter heute. Doch die Klimagase sind nicht der einzige Faktor.

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          Die Hitzewelle in Europa in der vergangenen Woche mit vielen Temperaturrekorden in Frankreich, Deutschland, Spanien, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden war auch auf den anthropogenen Klimawandel zurückzuführen – darin sind sich die Klimaforscher des „World Weather Attribution Project“ (WWA) sicher. Allerdings sind die unterschiedlichen Klimamodelle keineswegs so eindeutig, wenn es darum geht, den ursächlichen Anteil der treibhausbedingten Erderwärmung genau zu beziffern. Klar ist: Menschengemachte Klimagase in der Luft, vor allem Kohlendioxid aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, haben einen beträchtlichen Anteil, Extremwetter auszulösen, indem sie nämlich die Erde erwärmen und die Dynamik der Luftströmungen verändern. Im konkreten Fall der Hitzewelle, bei der Sahara-Luft aus Nordafrika nach Europa gelangte, sind die Zweifel jedenfalls nun geringer, seitdem das WWA-Team nachgerechnet hat: Um mindestens das Fünffache und höchstens das Hundertfache sei die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass es zu dieser Hitzewelle kam, das teilte die „Attribution“-Gruppe am Dienstagnachmittag in einer Pressekonferenz mit.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Damit reiht sich die Juni-Hitzewelle in eine Reihe von Studien ein, die den „Fingerabdruck“ des Klimawandels in einzelnen Extremwettereignissen an vielen Stellen der Erde suchen. Gut zweihundert solcher Studien sind bereits abgeschlossen und in etwa zwei Drittel der Fälle konnte ein klarer Zusammenhang zur Erderwärmung hergestellt werden – ob Hitzewellen, Extremniederschläge oder Überflutungen . Auch die Hitze und langanhaltende Trockenheit im vergangenen Jahr hat in den Berechnungen der Klimaforscher ein Signal gebracht. Allerdings fallen die Effekte lokal und regional sehr unterschiedlich aus: Während der Vergleich der historischen und kalkulierten Wetterdaten mit den zigfach durchgerechneten Klimamodellen in Utrecht eine Verdoppelung der Wahrscheinlichkeit eines solchen Extremereignisses gebracht hat, war es in Kopenhagen eine Verfünffachung. Klar ist: Der menschengemachte Klimawandel sorgt dafür, dass Hitzewellen heute – statistisch gesehen – in vielen Regionen öfter vorkommen und bei lang anhaltender Hitze wahrscheinlich auch mit höheren Temperaturen einhergehen. 

          Fast 46 Grad in Südfrankreich

          Was die jüngste Hitzewelle angeht, haben die Attributionsforscher um die deutsche Klimatologin Friederike Otto als Referenzort Toulouse in Südfrankreich gewählt, und zwar ganz einfach deshalb, weil die Gruppe sich vergangene Woche in Toulouse zu einem Arbeitstreffen aufgehalten hat. Dort hat die Saharahitze für besonders extreme Temperaturen gesorgt. Bis fast 46 Grad – ein Allzeithöchstwert,anderthalb Grad über dem alten Rekord – hat man in Gallargues-le-Montueux in der Nähe von Nimes in Südfrankreich gemessen. Auf dem Gipfel des Mont Blanc waren es sieben Grad im Plus, auch das ein Rekord.

          Wie überhaupt in Frankreich seiner geographischen Lage wegen besonders sensibel in Hinblick auf Hitzewellen ist. Dass so extreme Temperaturen im Juni erreicht werden, dass überhaupt über Tage und Wochen Strömungen vorliegen, die dafür sorgen, dass die Wüstenluft übers Mittelmeer bis weit nach Mitteleuropa fließen, hat man allenfalls für Juli und August erwartet. Tatsächlich ist der Monat Juni jetzt in den Fokus der Klimaforscher gerückt, denn während Juli und August, die Hochsommermonate, lediglich um zwei Grad in den vergangenen Jahrzehnten wärmer geworden ist, sind die französischen Durchschnittstemperaturen im Juni um vier Grad gestiegen.  Woran das liegt, wissen die Wissenschaftler noch nicht. Klar ist: Bis vor dreißig Jahren schlug sich der Klimawandel nur gedämpft auf den Temperaturanstieg nieder, bis dahin sorgten vor allem Luftschadstoffe dafür, dass ein erheblicher Teil der Sonnenstrahlung herausgefiltert wurde, bevor diese die Erde erwärmten Das hat sich geändert. Die Luft ist inzwischen sauberer, die Energie kann sehr viel ungehinderter die unteren Luftschichten und den Boden erwärmen.

          Nicht nur Treibhausgase sind schuld

          Genau darin aber, wie groß nämlich die Wirkung der Erwärmung auf die unterschiedlichen Faktoren wie Bodenfeuchte und Luft-Boden-Wechselwirkung ist, liegt eine erhebliche Unsicherheit. Vielleicht noch mehr gilt das für die Wolkenbildung. Der Beitrag der Wolken an der „Überhitzung“ ist in den Modellen schwer zu ermitteln. Die Variabilität der Temperaturen und damit die Ausschläge nach oben und unten sind damit sehr hoch – und ein Fingerabdruck des Klimawandels schwerer zu quantifizieren. Das alles hat in der jüngsten Zurechnungsstudie dazu geführt, dass die Modelle zum Teil deutlich voneinander abwichen. Die Erhöhung der Hitzewellen-Wahrscheinlichkeit in Toulouse um das Fünffache ist nach Auskunft der Forscher der Mindestwert für den Beitrag des globalen Klimawandels. Die anderen Faktoren, die neben den Treibhausgasen in einigen Rechnungen die Wahrscheinlichkeit der Hitzewelle erhöhten, wird auf das Zehnfache veranschlagt.    

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