https://www.faz.net/-gwz-9bh5w

Der Tag geht, der Torkelkäfer kommt

Von ANDREAS FREY
Foto: ddp Images

27.06.2018 · Zur Zeit der Sommersonnenwende dehnt sich die Dämmerung bis weit in die Nacht hinein. Ideale Voraussetzungen, um das lichtscheue Leben in Wald und Flur zu studieren. Eine Spurensuche zur blauen Stunde.

W enn die Sommersonne am Horizont versinkt, wird die Welt für kurze Zeit eins. Der Himmel berührt die Erde, der Tag umarmt die Nacht, und der Gerippte Brachkäfer zieht los, um sich zu paaren. Es ist der Moment, auf den das Männchen den ganzen Tag gewartet hat. Im Schutz der Dämmerung verlässt es sein kühles Versteck und macht sich auf die Suche nach einem Weibchen. Es fliegt, als ob es sich Mut angetrunken hätte. Aber das gehört zu seiner Natur. „Torkelkäfer“ nennt man das Insekt deshalb auch. Sonst heißt er, wie alle Blatthornkäfer, einfach nur Junikäfer. Weil er im Juni kommt.

In Schwärmen fliegen die liebestollen Käfer in diesen Wochen in die Städte. Von Plage ist die Rede oder von Invasion. Sie machen sich über Parks und Gärten her und schwirren wegen ihres wirren Flugs so manchem Stadtmenschen ins Gesicht. Nicht alle finden das lustig, einige rennen kreischend davon, andere wiederum sehen in dem Käfer jenen harmlosen Tolpatsch, der weder sticht noch beißt und einfach noch einmal richtig Spaß haben will. Denn nach der Paarung geht es mit ihm rasch zu Ende. Das Männchen stirbt sofort. Das Weibchen legt noch die Eier ab und stirbt dann ebenfalls.

Ein echter Klassiker: „Aber, du Frühlingswürmchen, das grünlichgolden neben mir spielt, du lebst; und bist, vielleicht – Ach, nicht unsterblich!“ (Friedrich Gottlob Klopstock: „Die Frühlingsfeyer“, 1759) Foto: Alexander Wild

Der Junikäfer nutzt die Dämmerung, um seine Überlebenschancen zu vergrößern. So geht er den meisten Vögeln aus dem Weg, die sich zu dieser Zeit in ihre Nester zurückziehen; nur die ebenfalls dämmerungsaktive Fledermaus profitiert von seiner Freude am Schummerlicht. Mit diesem Verhalten ist der Käfer nicht allein: Wenn der Tag geht, laufen viele Tiere erst zur Hochform auf. Sie verhalten sich krepuskular, wie Zoologen das nennen.

Auch uns Menschen beeinflusst die Dämmerung weit stärker, als uns bewusst ist. Romantiker haben sie angehimmelt, Künstler bilden sie immer wieder ab. Das fahle Streulicht der Sonne taucht die Welt in ein sanftes Farbenmeer. Schatten verschwimmen, nichts wird jetzt mehr direkt beleuchtet, Lichtquelle ist der Himmel: Das Licht bricht nun in der Atmosphäre, ohne die Lufthülle der Erde würde es sofort zappenduster. Ihr Aufbau ist es schließlich, der die bekannte blaue Stunde verursacht. Das blaue, kurzwellige Licht wird dabei von Luftmolekülen stärker gestreut als das rote. Während der blauen Stunde gelingen imposante Landschaftsaufnahmen, mit dem von unten angestrahlten Himmel in der Hauptrolle. Kein Vergleich mit den stereotypen Fotos vom Sonnenuntergang.

Der Sumpfohreule besitzt besonders große und lichtempfindliche Augen. Foto: Look

Zur Sommersonnenwende am kommenden Donnerstag dehnt sich die Dämmerung auf der Nordhalbkugel maximal aus. Faktisch existiert jetzt keine Nacht mehr, von einem kleinen Streifen im Süden einmal abgesehen. Astronomen teilen die Dämmerung in drei Phasen ein. Während der bürgerlichen Dämmerung direkt nach Sonnenuntergang kann man noch ohne Kunstlicht eine Zeitung lesen. Dunkler wird es in Oslo und Helsinki jetzt nicht mehr, man spricht dort von weißen Nächten. In Flensburg hingegen sinkt die Sonne von Mitternacht an noch etwas tiefer unter den Horizont, hier reicht es gerade noch, um die hellsten Sterne zu sehen. Nautische Dämmerung sagt man dazu, weil man bei diesen Lichtverhältnissen gerade noch navigieren kann. Sinkt die Sonne weiter unter den Horizont, ist die letzte Phase erreicht. Sie wird astronomische Dämmerung genannt.

In Karlsruhe dämmert es dieser Tage um punkt halb zehn. In einer Wohnsiedlung am Stadtrand wartet schon der Biologe Michael Waitzmann, um ein merkwürdiges Tier zu suchen: den Heldbock. Die Bedingungen dafür seien fast ideal, sagt er. Schwüle liegt über der Stadt, den ganzen Tag blieb es trocken. Ein Wetter, wie es der Heldbock mag. Auch die Sonne ist noch nicht untergegangen, glutrot lugt sie hinter dicken Quellwolken hervor. In der Ferne dröhnt ein Gewitter, das Grollen wird lauter. „Wir müssen uns beeilen“, sagt Waitzmann. Regen mag das Tier überhaupt nicht.

Der Heldbock ist die Diva unter den Käfern. Er gehört zur Familie der Bockkäfer und wird wegen seines bevorzugten Lebensraums auch Großer Eichenbock genannt. Er haust überwiegend in morschen Stieleichen, versteckt sich tagsüber unter der Rinde und kommt nur in lauen Sommernächten zum Vorschein. Cerambyx cerdo ist flugfaul, nur zu dieser Zeit entwickelt er etwas, das man Aktivität nennen kann.

Der Heldbock haust in morschen Eichen und wird nur an lauen Abenden aktiv. Foto: Imago

Diese Schrullen hätten ihn fast schon die Existenz gekostet. Mittlerweile genießt der Heldbock den höchsten Schutzstatus. Genau deshalb ist Michael Waitzmann heute Abend hier. Er ist bei der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg für den Artenschutz zuständig und damit auch für den Heldbock. Karlsruhe ist eine der wenigen Standorte in Deutschland, in denen das Tier überlebt hat. Bevor das Gewitter losbricht, möchte Waitzmann zeigen, wo genau.

Wir biegen auf einen Feldweg ab, an dem nach der Karte eine alte Eiche stehen sollte. „Dort könnte er sein“, sagt Waitzmann. Der Weg schlängelt sich an Maisfeldern vorbei, am Horizont zucken die Blitze im Sekundentakt. Nach einer Kurve machen wir Halt. Von Büschen überwuchert, liegt ein mächtiger Stamm am Boden, hier stand das stolze Exemplar einst. Waitzmann pult einen Schwarzkäfer aus der Rinde und eine verlassene Puppe samt Rüssel. Auch die typischen fingerdicken Gänge des Heldbocks sind noch zu erkennen. Ein lebendes Heldbock-Exemplar findet er allerdings nicht mehr.

Dass die Art beinahe ausgestorben wäre, ist die Schuld der Förster, sagen die Biologen. Bis heute gibt es darüber Streit. Vor hundert Jahren galt der schwarzbraune Käfer noch als großer Forstschädling. Er befiel ganze Wälder und bohrte sich in das kostbare Eichenholz. Einmal besiedelt, war der Baum wertlos. Deshalb empfahlen Förster das „Wegfangen der schwärmenden Käfer in der Abenddämmerung“, wie man der Monographie „Forstschutz“ aus dem Jahr 1927 entnehmen kann. Allerdings saßen die Forstwissenschaftler einem für den Käfer verhängnisvollen Irrtum auf. Denn die Larve lebt keineswegs in gesunden Eichen, sondern nur in alten, kränkelnden Exemplaren. Diese wiederum wurden aus Liebe zur Ordnung sofort gefällt. „Die nahezu vollständige Verbannung der Zerfallsphase aus dem Erscheinungsbild des Waldes ist der Hauptgrund für das Erlöschen der Art fast überall in Mitteleuropa“, heißt es in einem zwanzig Jahre alten Fachaufsatz.

Auch die Ägyptische Stachelmaus zeigt sich nur im Zwielicht. Foto: Juniors

„Wir möchten die Altbestände der Eichen bewahren“, erklärt Michael Waitzmann, während er den Feldweg verlässt und eine Bungalowsiedlung ansteuert. Dafür verpasst die Stadt Karlsruhe gebrechlichen Bäumen sogar Metallstützen, anstatt die Axt anzusetzen. Noch bevor er das Wohngebiet erreicht, in dem weitere Eichen stehen, prasseln dicke Tropfen zu Boden. Das Gewitter unterbricht die Heldbock-Jagd, Waitzmann flüchtet in eine Gartenwirtschaft.

Sowohl den Tag als auch die Nacht zu meiden hat für Tiere große Vorteile. Vor allem Wüstenbewohner haben sich an die harschen Bedingungen in diesem extremen Lebensraum angepasst. Wer in der Dämmerung aktiv ist, geht Hitze und Kälte aus dem Weg. Aus diesem Grund leben zahlreiche Mäuse-, Eidechsen- und Schlangenarten krepuskular. Ob Sex oder Futtersuche: die Tiere sparen mit dieser Strategie eine Menge Energie. Die Gemeine Sandrasselotter zum Beispiel versteckt sich nachts in Felsspalten und gräbt sich tagsüber in den Wüstensand.

Die Girondische Glattnatter verkriecht sich, bis die Sonne untergegangen ist. Foto: Prisma

Jenseits der Wüste richten viele dämmerungsaktive Tiere ihren Rhythmus nach ihren bevorzugten Futterquellen. So schwärmen zahlreiche Schmetterlinge erst aus, wenn die Nachtkerze ihre Blüten öffnet. Dafür braucht die Pflanze zwar nur wenige Minuten, allerdings spendet sie kostbaren Nektar erst in der Dämmerung. Einer, der auf die Nachtkerze besonders fliegt, ist Proserpinus proserpina, besser bekannt als Nachtkerzenschwärmer.

Mittlerweile zwingt die menschliche Zivilisation zunehmend wildlebende Säugetiere, in die Dunkelheit auszuweichen, wie eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Science berichtet; die Metastudie betrachtet dafür 62 Arten auf sechs Kontinenten. Die Tiere verlagern ihre Aktivität, um dem tagaktiven Menschen aus dem Weg zu gehen. Dadurch handeln sie sich allerdings auch Nachteile ein, finden sich in ihrem Lebensraum schlechter zurecht, machen weniger Beute. Beutetiere suchen in der Dämmerung vor allem Schutz. Aber diese Strategie geht nicht immer auf. Denn manches Raubtier hat sich wiederum an den Rhythmus ihrer Beute angepasst. Dazu gehören Fledermäuse, die Jagd auf Junikäfer machen, oder Sumpfohreulen, denen dank ihrer großen und ausgesprochen lichtempfindlichen Augen in der Dämmerung keine Wühlmaus entgeht. Auch große Jäger wie Jaguar, Ozelot und Hyäne sind während der Abend- und Morgendämmerung am aktivsten. Ähnlich hält es der Schwarzspitzen-Riffhai mitten im Pazifik. Vor einiger Zeit machten Meeresbiologen der University of California im Palmyra-Atoll eine bemerkenswerte Beobachtung. Das Korallenriff nahe dem Äquator liegt 1600 Kilometer südlich von Hawaii. Die Inseln sind unbewohnt, allerdings beheimatet eine acht Quadratkilometer große Lagune unzählige Seevögel, Riesenmuscheln, Fische und Schildkröten. Im Flachwasser hinter der Riffbarriere sind die Tiere vor dem tosenden Pazifik und eigentlich auch vor den Haien geschützt.

Im Palymyra-Atoll im Pazifik geht der Schwarzspitzen-Riffhai ausschließlich zur Dämmerung auf Beutejagd. Foto: Picture Alliance

Als jedoch die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg die Inseln als Marine- und Luftwaffenstützpunkt nutzten, frästen sie ein metertiefes Loch in das Riff, das den Haien heute als Zugang dient. Pünktlich zur Dämmerung um sieben Uhr abends strömen sie so zahlreich in die Lagune, dass sie nach kurzer Zeit regelrecht im Stau stehen. Die Rush Hour dauert etwa eine Stunde, nach der Dämmerung ist auf einen Schlag alles wieder vorbei. Insgesamt zählten die Wissenschaftler 1200 Haie, die sich hier durch den künstlichen Kanal zwängten.

Der Mensch ist von seinem ganzen Wesen her ein tagaktives Tier. Deshalb steckt in ihm die uralte Angst vor dämmerungs- und nachtaktiven Raubtieren. Bevor es Kunstlicht gab, war die Dämmerung für den Menschen eine lebensgefährliche Zeit. Wie deutlich uns das bis heute prägt, selbst in den Industrienationen, hat selbst den Neurologen Christian Kell von der Universität Frankfurt erstaunt. Der Wissenschaftler vom Brain Imaging Center empfängt seinen Gast an einem grellen Junimorgen, die Sonne leuchtet den grauen Zweckbau am Universitätsklinikum gnadenlos aus. Kell bittet in sein abgedunkeltes Büro. Hier beantwortet der Experte die Frage: Was macht die Dämmerung mit uns?

„Wir gehen heute ganz selbstverständlich davon aus, dass die Welt konstant ist“, sagt Kell. Tatsächlich aber wirke sich der Wechsel von Tag und Nacht, von Hell und Dunkel immer noch viel stärker aus, als uns bewusst sei. So funktioniert eine Leberzelle am Tag anders als in der Nacht, sie gehorcht dabei einer inneren Uhr. Tagsüber stellt sie Zucker zur Verfügung, nachts speichert sie ihn. Ebenso verhält es sich mit der Wahrnehmung des Menschen, wie Kell im April mit einer Studie in Nature Communications zeigen konnte. Demnach beeinflussen die Lichtverhältnisse die Perzeption des Menschen drastisch. Angesichts von Hirnscan-Aufnahmen gesunder Probanden stellte sich heraus, dass das Gehirn mit Einbruch der Dämmerung die Ruheaktivität in der Seh- und Hörrinde herunterfährt, um die Wahrnehmung in den Sinnesorganen zu erhöhen. „Verglichen mit anderen Gehirnaktivitäten, war die Schwankung enorm“, sagt Kell.

Der Ozelot verschläft, genau wie seine Beute, den größten Teil des Tages. Foto: Picture Alliance

Auf den Hirnscans aus mehreren Jahren konnte man den Unterschied sehen. Zu sechs verschiedenen Tageszeiten mussten vierzehn Probanden erst entspannt im Kernspintomographen liegen, dann bekamen sie eine Aufgabe: Sie sollten schwache visuelle Reize erkennen. Und immer zur Morgen- und Abenddämmerung nahmen sie die Reize besser wahr als zu anderen Tageszeiten. Sie übersahen weniger Reize und machten deutlich weniger Fehler. Während der Dämmerung waren die Sinne also geschärft, vor allem das Sehen. Diese Anpassungsfähigkeit gehört ganz offensichtlich zur Überlebensstrategie des Menschen. Das Erstaunliche daran ist aber nicht nur die starke Schwankung der Wahrnehmung, sondern dass das Gehirn sogar in der Lage ist, schlechte Lichtqualität vorherzusagen. „Im Innern läuft eine Uhr, die Dunkelheit voraussieht“, erklärt Christian Kell die Beobachtung. Der Mensch ahnt die Dämmerung, noch bevor sie eintritt.

Was folgt daraus für den modernen Alltag? Psychologen können darauf noch keine eindeutige Antwort geben. Man müsse selbst herausfinden, ob man sich in der Dämmerung eher sicher oder eher unsicher fühle, sagt die Wirtschaftspsychologin Anna Steidle von der Universität Hohenheim. Zudem sei es ein Unterschied, ob man eine Dämmerung am Meer mit dem Partner im Arm verbringt oder an seinem Büro in der Stadt. Steidle hat einige Untersuchungen bei Kunstlicht vorgenommen, dazu dimmte sie die Beleuchtung herunter. Grundsätzlich waren ihre Studienteilnehmer bei gedimmten Licht kooperativer und kreativer als bei voller Beleuchtung. Sie spielten weniger nach den herkömmlichen sozialen Regeln und zeigten sich impulsiver. Schummerlicht, so könnte man daraus schließen, öffnet die Menschen.

Die Lemuren auf Madagaskar haben sich vermutlich aus nachtaktiven Vorfahren entwickelt und bevorzugen bis heute das Halbdunkel. Foto: Mauritius

In Karlsruhe ist das Gewitter mittlerweile vorbei, es hat nicht viel geregnet. Michael Waitzmann hofft, dass das dem Heldbock genügend Lebensgeist eingeflößt hat. Wir verlassen die Gartenwirtschaft, gehen an mehreren Bungalows vorbei und lassen die Stadt hinter uns. Auf einer Wiese bleibt Waitzmann plötzlich stehen. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe tastet eine alte, teilweise entrindete Eiche ab. Ein fetter schwarzer Balkenschröter kommt zum Vorschein, dazu ein Federgeistchen, außerdem ein Pseudoskorpion.

Waitzmann läuft um den Baum herum. „Da ist einer“, ruft er schließlich triumphierend in die astronomische Dämmerung. In fünf Meter Höhe hat sich tatsächlich ein Heldbockmännchen nach draußen gewagt. Vier, fünf Zentimeter ist es groß, sein Körper recht schlank. Am Kopf thronen die beiden Fühler, überragen den Kerl in doppelter Länge. Als der Lichtkegel auf den dämmerungsaktiven Käfer fällt, verharrt dieser kurz. Und flüchtet dann eilends in die Dunkelheit.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 27.06.2018 18:20 Uhr