https://www.faz.net/aktuell/wissen/tonartencharakteristik-welten-zwischen-c-dur-und-h-moll-1359947.html

Tonartencharakteristik : Welten zwischen C-Dur und h-Moll

  • -Aktualisiert am

Stardirigent Daniel Barenboim kennt den Unterschied. Bild: picture-alliance / dpa

Drei Akkorde mögen für ein Hallelulja reichen, doch Tonarten kennt die westliche Musik deutlich mehr. Worin unterscheiden sie sich für den Musiker? Und worin für den Hörer?

          5 Min.

          So lernt man es im Musikunterricht: Moll klingt traurig, Dur klingt fröhlich. Man nimmt als selbstverständlich hin, daß es solche Charaktere gibt. Niemand würde bestreiten, daß zumindest die Tongeschlechter Moll und Dur unterschiedliche Stimmungen vermitteln. Aber gilt dies auch für Tonarten desselben Geschlechts, und wenn ja, warum? Über diese Frage wird seit Menschengedenken gestritten, und die Antworten fallen bis heute durchaus widersprüchlich aus. Auch die Komponisten verschiedener Epochen - etwa die drei auf dieser Seite, die alle dieses Jahr ein Jubiläum feiern - haben sich zur Tonartenfrage unterschiedlich verhalten.

          Darüber nachgedacht wurde schon früh, etwa von Johann Joachim Quantz, dem Flötenlehrer Friedrichs des Großen. „Wegen der gewissen Tonarten, sie mögen Dur oder Moll seyn, besonders eigenen Wirkungen, ist man nicht einig“ schrieb er 1752. „Die Alten waren der Meynung, daß eine jede Tonart ihre besondere Eigenschaft, ihren besondern Ausdruck der Affecten hätte. Weil die Tonleitern ihrer Tonarten nicht alle gleich waren (...) so war diese Meynung hinlänglich gegründet. In den neuern Zeiten aber, da die Tonleitern aller großen, und die Tonleitern aller kleinen Tonarten einander ähnlich sind, ist die Frage, ob es sich mit den Eigenschaften der Tonarten noch so verhalte. Einige pflichten der Meynung der Alten noch bey: andere hingegen verwerfen dieselbe, und wollen behaupten, daß jede Leidenschaft in einer Tonart so gut als in der andern ausgedrücket werden könnte, wenn nur der Componist die Fähigkeit dazu besäße. Es ist wahr, man hat Exempel davon aufzuweisen; man hat Proben, daß mancher eine Leidenschaft, in einer Tonart, die eben nicht die bequemste dazu scheint, sehr gut ausgedrücket hat. Allein wer weis, ob dasselbe Stück nicht eine noch bessere Wirkung thun würde, wenn es in einer andern und zu der Sache bequemen Tonart gesetzet wäre?“

          Damit hat Quantz die Kontroverse umrissen: Die einen leugnen, die anderen behaupten, daß jede Tonart ihren eigenen Charakter habe. Nur bei den „Alten“, gemeint ist jene Zeit, als sich die Dur-Moll-Tonalität noch nicht gegen das System der Kirchentonarten durchgesetzt hatte, konnte unbestritten von unterschiedlichen Tonartencharakteren die Rede sein. Warum dies? Dazu muß man zunächst ein wenig über die Geschichte der Tonarten wissen.

          Bild: F.A.Z.

          Unterschiedliche Tongeschlechter

          Die abendländische Musikgeschichte ist von einer durch die Jahrhunderte fortschreitenden Systematisierung geprägt, wobei meist die Praxis der Theorie vorauseilte. Zu dieser Systematisierung gehört auch die Definition von Tonarten. Die acht „Modi“ genannten Kirchentonarten des Mittelalters - Dorisch, Phrygisch, Lydisch und Mixolydisch sowie ihre Nebenformen - wurden aus der Musik der Zeit gewissermaßen herausdestilliert. Man unterschied sie, wie heute auch Dur und Moll, anhand der Lage der Halbtonschritte innerhalb der Tonleiter. Eine Klaviertastatur macht dies deutlich: An zwei Stellen jeder Oktave - zwischen e und f und zwischen h und c - liegt zwischen den weißen keine schwarze Taste. Die weißen Tasten stoßen dort im Abstand eines Halbtons aufeinander. Benutzt man nur weiße Tasten und beginnt die Tonleiter mit d, liegen die Halbtonschritte e/f sowie h/c zwischen dem zweiten und dritten sowie dem sechsten und siebten Ton der Leiter. Dies ist die dorische Tonleiter. Beginnt man auf e, liegen die Halbtonschritte zwischen dem ersten und zweiten sowie fünften und sechsten Ton. Das ist der phrygische Modus. Entsprechend ändert sich die Lage der Halbtöne im Lydischen (ab f) und Mixolydischen (ab g). Das meinte Quantz, als er sagte, daß früher die „Tonleitern der Tonarten nicht alle gleich waren“. Offenkundig bringt die unterschiedliche Tonleitergestalt eine unterschiedliche Tonartencharakteristik mit sich. Auch der Unterschied von Dur und Moll beruht auf der unterschiedlichen Position der Halbtonschritte.

          Weitere Themen

          Leberkrank ohne Alkohol

          FAZ Plus Artikel: Bestimmte Zucker schaden : Leberkrank ohne Alkohol

          Fettlebererkrankungen sind auf dem Vormarsch – mit schrecklichen Folgen wie Krebs und Leberversagen. Betroffen sind auch schlanke Menschen, die keinen Tropfen anrühren. Denn mit Alkohol hat diese Form der Fettleber nichts zu tun.

          Topmeldungen

          Entschuldigte sich abermals: Peter Feldmann

          Oberbürgermeister-Skandal : Frankfurt als Stadt ohne Stadtoberhaupt

          Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann tritt nicht zurück – er verschanzt sich. Es ist an der Zeit, dass die Bürgerinnen und Bürger dieses unwürdige Kapitel an den Wahlurnen beenden.
          Die Strafkolonie im russischen Pokrow. Bisher wird Alexej Nawalnyj hier festgehalten.

          Strengere Haft : Nawalnyjs Name auf der Terrorliste

          Alexej Nawalnyj bleibt als politischer Gefangener ein lauter Regime-Kritiker. Die russische Justiz verschärft nun seine Haftbedingungen – und isoliert ihn noch stärker.
          Ein Mann hält ein Baby auf dem Arm.

          Geburt des ersten Kindes : Warum junge Väter immer älter werden

          Männer sind im Schnitt bei der Geburt ihres ersten Kindes deutlich älter als Frauen. Werden sie auch in Zukunft immer älter? Die Gründe, warum die Deutschen immer später im Leben eine Familie gründen, sind gut erforscht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Zertifikate
          Ihre Weiterbildung in der Organisations- psychologie
          Sprachkurse
          Lernen Sie Italienisch
          Stellenmarkt
          Jobs für Fach- und Führungskräfte finden