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: Tönen Röhren schöner?

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Darf das denn wahr sein? Man wandelt anno 2008 durch die Hallen einer Messe für Unterhaltungselektronik und möchte sich die Augen reiben. Da stehen sinnlich illuminierte Röhrenverstärker neben Schallplattenspielern für fünfstellige ...

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          Darf das denn wahr sein? Man wandelt anno 2008 durch die Hallen einer Messe für Unterhaltungselektronik und möchte sich die Augen reiben. Da stehen sinnlich illuminierte Röhrenverstärker neben Schallplattenspielern für fünfstellige Euro-Beträge sowie klobigen Kleinkraftwerken, die "klirrfreien Netzstrom" produzieren sollen und diesen über handgedrechselte Kabel im Zwanziger-Jahre-Look in die Komponenten leiten. Waren denn nicht über Jahre die Digitaltechnik und die Miniaturisierung aller Geräte das Maß aller Dinge? Fast entsteht der Eindruck, dass durch die Rückkehr zu möglichst voluminösen Geräten der Musik jene Sinnlichkeit wiedergegeben werden soll, die ihr im vergangenen Jahrzehnt durch Musik-Kauf im Internet und Komprimierung in Formate wie MP3 genommen wurde. Gewiss, repräsentativer sind die analogen Klangmöbel allemal - aber klingen sie auch wirklich besser?

          Ein wenig Theorie: Es gibt grundsätzlich zwei Ansätze bei der Produktion und Reproduktion von Musikaufnahmen. Der eine Ansatz ist es, die Musik so unverfälscht wie möglich aufzunehmen und wiederzugeben. Möglichst keine Störgeräusche sollen bei Aufnahme und Wiedergabe hinzugefügt werden, möglichst wenig vom Originalklang - in der Fachsprache "Nutzsignal" genannt - verlorengehen. Diese sogenannte Hör-Kette beginnt im Studio bei der Wahl der geeigneten Mikrofone und ihrer richtigen Aufstellung, setzt sich bei Aufnahme, Abmischung und Mastering fort und endet im heimischen Wohnzimmer mit der korrekten Aufstellung sorgfältig ausgewählter HiFi-Elemente und Lautsprecher. Dabei gilt für die Hörkette wie für alle Ketten, dass sie nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied.

          Ein anderer Ansatz ist es, dem Hörer ein möglichst beeindruckendes Erlebnis zu bieten, auch wenn hierfür in die elektroakustische Trickkiste gegriffen werden muss. Vertreter der unterschiedlichen Fraktionen bekämpfen sich in einschlägigen Online-Foren andauernd und zum Teil heftig. Die Physiker und Elektrotechniker verschanzen sich hinter ihren Messgeräten, die anderen hinter der Auffassung, dass derjenige recht hat, der den optimalen Klang aus seiner Anlage herausholt - ohne jedoch zu definieren, was optimal ist. Doch wie erreicht man überhaupt eine originalgetreue Musikwiedergabe? Das Deutsche Institut für Normung hat in den sechziger Jahren mit der DIN 45500 den Versuch einer Normung unternommen. Verstärker und Lautsprecher sollten beispielsweise eine Bandbreite von 20 Hertz bis 12,5 Kilohertz mit einem Klirrfaktor (siehe "Das kleine HiFi-Glossar") von maximal einem Prozent wiedergeben können. Ein Großteil der in dieser Norm geforderten Werte wird inzwischen von jedem besseren Küchenradio überboten. Daher wurde die Norm 1996 grundlegend überarbeitet und in die Europäische Norm EN 61305 überführt.

          Der Ansatz des Deutschen Instituts für Normung ist aber auch aus heutiger Sicht noch korrekt. Denn nur ein Gerät, das über einem definierten Frequenzbereich eine nach bestimmten Kriterien lineare, also nicht verzerrte Wiedergabe des eingespeisten Signals leisten kann, ist überhaupt auch in der Lage, Musik originalgetreu wiederzugeben. Ein Verstärker mit einer "verbogenen" Frequenzgang-Kurve kann schlicht und einfach Klänge nicht so reproduzieren, wie sie aufgezeichnet wurden. Die subjektive Eigenschaft "Klangqualität" ist also bis zu einem gewissen Grad mit physikalischen Messmethoden bewertbar.

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