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Todeszonen wachsen rasant : Stirbt die Ostsee?

Algenblüte in der Ostsee vom Danziger Becken bis Kaliningrad und Litauen. Bild: dpa

Die Ostsee wird zum Menetekel für den Ökokollaps. Wie stark die biologischen Friedhöfe, die „Todeszonen“, im Wasser zugenommen haben, schockiert die Fachleute. Damit hatte keiner gerechnet.

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          Es ist ein weltweites Phänomen, schon mehr als vierhundert  Regionen der Weltmeere leiden unter akutem Sauerstoffmangel und weisen unterschiedliche Anzeichen für den ökologischen Exitus auf, doch nirgendwo ist die Situation dramatischer als in der Ostsee. Das Ausmaß der als „Todeszonen“ bezeichneten maximal eutrophierten Flächen im Wasser hat sich in den vergangenen 115 Jahren mehr als verzehnfacht - von 5000 Quadratkilometern auf inzwischen mehr als 60.000 Quadratkilometer. Der Verursacher ist eindeutig identifiziert: Der Mensch. Die Todeszonen sind längst ein Beispiel dafür, wie Umweltverschmutzung und Klimawandel fatal zusammenwirken. Im neuesten, in dieser Woche präsentierten Klimabericht des Weltklimarates IPCC sind solche kombinatorischen Worst-case-Szenarien besonders stark beklagt worden.

          Das weltweite Vorkommen von sauerstofffreien Todeszonen.
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Todeszonen sind der Diabetesfuß der Natur. Ein chronisches, multifaktorielles Leiden, das ins Absterben mündet. Hypoxia heißt es unter Fachleuten, das Aufzehren und schließlich das komplette Aufbrauchen des Sauerstoffs in tieferen Wasserschichten durch das Hyperwachstum von Plankton und Mikroben - angetrieben meistens vom dauernde Zufluss von stickstoff- und phosphathaltigen Düngemittel aus der Landwirtschaft und parallel dazu der Erwärmung und fehlenden Durchmischung des Wassers.  

          Diese Abwärtsspirale aus Überdüngung und Erwärmung zu stoppen, gelingt wie bei chronischen Leiden erstens nicht sehr schnell, und zweitens kann man nie sicher sein, ob es genügt, ein oder zwei der Übel zu entfernen. Die Ostsee ist dafür ein Paradebeispiel: Obwohl in den vergangenen zwanzig Jahren die Belastung durch Düngerzuflüsse spürbar zurückgegangen ist und obwohl sogar die globale Erwärmung scheinbar eine Pause einlegte, hat sich die Situation gerade in dieser Zeit dramatisch verschärft. Daniel Conley von der Stockholmer Universität und Jacob Carstensen von der Aarhaus-Universität haben die Entwicklung anhand der Messungen in den Wassersäulen genau verfolgt. Und auch sehr viel weiter zurückverfolgt, als die systematische Erfassung von Salzgehalt, Temperatur und Sauerstoffkonzentration noch lückenhafter war. Das war vor den sechziger Jahren. Trotzdem ist sich das dänisch-schwedische Team sicher, genug Daten zusammengetragen zu haben, um jetzt Alarm zu schlagen: „Die einzig realistische Option die Ostsee wieder gesünder zu machen, ist die weitere Verringerung der Nährstoffeinträge“, schreiben die Forscher in den “Proccedings“ der amerikanischen nationalen Akademie der Wissenschaften. 

          Ausbreitung der Todeszonen in der Ostsee im vergangenen Jahrhundert. Rote Zonen: geringer Sauerstoffgehalt. Schwarze Zonen: Null Sauerstoff.

          Die Ostsee ist wegen ihrer Topograhie und Geologie grundsätzlich anfällig für den Sauerstoffverlust. Der Wasseraustausch des weithin flachen Meeres mit den angrenzenden Gewässern der Nordsee und des Atlantiks ist durch die Enge des Kattegatt stark begrenzt. Alle paar Jahrzehnte kommt es zu einem größeren Zufluss von weniger salzhaltigem Meerwasser. Er sorgt dann wie ab Anfang der achtziger Jahre dafür, dass sehr starke Schichtung der Wasserschichten in der flachen Ostsee durchbrochen wird und physikalisch für ökologische Erleichterung gesorgt wird. Zwischen 1982 und 1993 war das Ausmaß der sauerstofffreien Zonen deshalb praktisch konstant geblieben. Danach allerdings kam der fatale Kreislauf der Eutrophierung wieder in Gang, und zwar umso schneller, je stärker die Temperaturen anstiegen. Im Durchschnitt ist das Wasser am Grund der Ostsee im vergangenen Jahrhundert um gut zwei Grad wärmer geworden. Schon dieser Effekt forciert das Wachstum der Mikroben und den Sauerstoffverbrauch. Immer öfter ist es deshalb zuletzt auch zu großflächigen Blaualgenblüten gekommen. Das organische Material, das damit im Wasser gebildet wird und am Ende abstirbt, sinkt ab und wird am Grund zersetzt. Die Veratmung verbraucht zusätzlichen Sauerstoff, der anderen Lebewesen fehlt.

          Wo das Wasser ökologisch umkippt und nicht mehr durchmischt wird, ist praktisch jedes Leben größerer Organismen ausgelöscht. Die Wissenschaftler schätzen, dass  dadurch in den zurückliegenden hundert Jahren ungefähr 1, 7 Millionen Tonnen an Biomasse verloren gingen. Wertvolle Fischsorten wie der Kabeljau haben darunter gelitten. Im zentralen Teild er Ostsee, dem Gotlandbecken zwischen Schweden und dem Baltikum, wo der Kabeljau gewöhnlich in großen Mengen seine Eier ablegt, haben die Todeszonen besonders stark um sich gegriffen. Hier sind die für den Kabeljau zuträglichen Laichgründe  in den vergangenen fünfzig Jahren drastisch zurück gegangen.

          Ein weiterer Grund, weshalb die Belastung entgegen den Erwartungen vieler Fachleute nicht zurück gegangen ist, könnte ebenfalls mit dem Klimawandel zu tun haben. Die Forscher mutmaßen, dass die Erwärmung den Wasserkreislauf schon beschleunigt hat und ein Mehr an Regen dafür gesorgt hat, dass Dünger von den angrenzenden Landgebieten in die Ostsee eingeschwemmt wurde. Die Verwertung dieser Extranährstoffe durch Algen und Mikroben geschieht über einen längeren Zeitraum. Das gilt vor allem für Phosphor. Ob und wann sich der verringerte Düngemitteleinsatz überhaupt positiv in einer Erholung des Ostseewassers bemerkbar  macht, lässt sich den Forschern zufolge heute heute noch nicht sagen. Der Klimawandel wird immer mehr zu einem starken - und kaum noch beherrschbaren - Motor der Entwicklung. Betrachtet man die Situation in anderen Meeresregionen, wie das vom amerikanischen World Resources Institute vor wenigen Jahren unternommen wurde, so ist klar: Die Lage entspannt sich fast nirgendwo: 78 Prozent der amerikanischen Küsten und 65 Prozent der europäischen Atlantikküsten zeigen Anzeichen einer Eutrophierung. Für die Meere sind die Nährstoffe und die organische Einträge die Pest - eine, die wegen der Algenblüten immer öfter eine grüne, blaue und rote Signalfarbe trägt.

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