https://www.faz.net/-gwz-7mhx8

Therapie oder Anleitung zum Gendoping? : Muskeln aus dem Jungbrunnen

Lebenswichtig, begehrt: Muskelmasse Bild: imago

Aus Alt mach Neu: Selbst in verbrauchten Muskeln lagern noch Zellen mit gewaltigen Potential: Amerikanische Forscher haben die Muskelmasse von Mäusen verjüngt - zu Therapiezwecken am Menschen.

          2 Min.

          Es klingt wie ein medizinisch-karitatives Projekt für alte und gebrechliche Menschen, genauso gut aber könnte es die Basis eines Forschungsprogramms für systematisches Muskeldoping  werden: Lahme, alte Muskelfasern werden durch  die runderneuerte elastische Muskulatur aus dem eigenen Körpergewebe ersetzt. Dieser Schritt ist jetzt zwei amerikanischen Forschungsteams an der Stanford University School of Medicine und der University of Colorado gelungen – wenn auch vorerst nur in Experimenten mit Labormäusen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Versuche in den amerikanischen Laboratorien machen einmal mehr deutlich, dass die Möglichkeit eines einfachen Gendopings für Leistungssportler mit körpereigenem Zellmaterial keineswegs ein Hirngespinst ist, sondern schon heute im Bereich des Möglichen liegt - und das mit erstaunlich wenigen Eingriffen angewendet werden könnte.

          Schon früher waren Substanzen getestet und bekannt worden, welche die Aktivität bestimmter Gene steuern und so direkt auf die Leistungsfähigkeit des Gewebes nehmen. Das betraf vor allem Gene des Fettsäure- und Glucosestoffwech­sel in Leber und Muskeln, die pharmakologisch beeinflusst werden sollten. Einige der klinisch erprobten Substanzen sind der Weltdopingagentur Wada auch schon bekannt oder werden geregelt. 

          Im aktuellen Fall geht es um einen neuen Wirkmechanismus. Ausgangspunkt sind körpereigene Stammzellen, die durch Manipulation der Informationswege in den Muskelzellen vermehrt und verjüngt werden. Bei den beiden amerikanischen Forscherteams sind die als Satellitenzellen bekannten Stammzellen das Ziel. In geringer Zahl sitzen diese Stammzellen zwischen den Muskelfasern im Körper. Auf ein Signal hin können sich diese Vorläuferzellen vermehren und umwandeln in funktionsfähige Muskelzellen. In jungen Jahren bilden sie tatsächlich ein großes Reservoir für die Nachbildung immer neuer Muskelzellen. Sobald Teile eines Muskels untergehen oder verletzt werden, liefern die Satellitenzellen neue Fasern nach.

          Dieses Erneuerungspotential besteht im Grunde das ganze Leben. Allerdings ist im älteren Körper der größte Teil dieser Muskelstammzellen schon nicht mehr intakt, der Muskelersatz stagniert – was dazu führt, dass der Muskelverlust vielen älteren Menschen die Bewegungsfähigkeit stark einschränkt oder ganz nimmt. Eine medikamentöse Therapie für Fälle, in denen dieser Muskelverlust mitunter sogar lebensgefährlich werden könnte, gibt es bislang nicht.

          Die Labormaus

          Die Forscher um Helen Blau aus Stanford haben in ihrer Publikation in der Zeitschrift „Nature Medicine“ gezeigt, dass schon ein einziger Signalweg entscheidend für die Erneuerung ist. Schaltet man diesen als „38-MAPK“ bekannten und von einer Proteinkinase gesteuerten Signalweg in den Muskelstammzellen aus, was durch Zugabe eines entsprechenden Hemmstoffs gelingt, legt ein Teil des genetische Entwicklungsprogramms in den Zellen einen Neustart hin. Kultiviert man diese Stammzellen dann auf einem porösen Hydrogel, das die Elastizität von jungen Muskeln besitzt, vermehren sich die Stammzellen plötzlich auf das Zwanzig- bis Sechzigfache.  Sie teilen sich und bringen neue Muskelzellen und elastische Muskelfasern hervor, die nach der Übertragung im Körper der Versuchstiere die gealterten Muskelfasern ersetzten.

          Die Ersatzmuskeln müssen also noch in der Petrischale vermehrt werden. Ob die Verjüngung und Vermehrung der Muskeln auch durch einfaches Injizieren eines p38-MAPK-Hemmstoffs gelingt, war noch nicht klar. Bradley Olwin und seine Kollegen von der University of Colorado in Boulder haben in ihrer Veröffentlichung einen recht einfachen pharmakologischen Weg aufgezeigt, wie die zelluläre Verjüngung der Muskelzellen eingeleitet werden könnte. In Mäusen jedenfalls fürs Erste.
           

          Weitere Themen

          Dünger belastet das Klima immer mehr

          Fatale Lachgas-Bilanz : Dünger belastet das Klima immer mehr

          Keine Entlastung. Auch von der Landwirtschaft kann die Erdatmosphäre nichts Gutes erwarten. Aus den Böden wird immer schneller Lachgas freigesetzt, die Überdüngung wächst zur globalen Krise. Nur stellenweise kann das Klima aufatmen.

          Topmeldungen

          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          „Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

          Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?
          Geht’s nicht voran? Ein Mann wartet unterwegs auf das Internet.

          Mobilfunkausbau : So soll das Handy schneller werden

          Die Bundesregierung will im Mobilfunkausbau verängstigte Bürger besser informieren. Denn die bremsen zuweilen den Antennenausbau wegen möglicher Strahlenbelastung. Doch das ist nicht der einzige Grund für den lahmenden Ausbau des Netzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.