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Bibel-Experten zur Klimakrise : „Die Gesellschaft muss sich revolutionieren“

Apokalyptische Analogien: Buschbrände in Australien. Bild: Picture-Alliance

Aus dem Neuen Testament für die Klima-Katastrophe lernen? Theologen fordern das. Über die Tradition des „apokalyptischen Denkens“ in der Kirche.

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          Die zahlreichen Reaktionen auf den sechsten Weltklimabericht des IPCC verdienen eine gesonderte psychologische Betrachtung. Und man möchte hinzufügen: ohne tiefenpsychologische oder metaphysische Tabus.

          Auffällig war anfangs, wie unter den fünf vom IPCC behandelten Szenarien für die möglichen Zukünfte unseres Planeten der klimapolitische Fokus auf dem Best-Case-Szenario lag. Darin wird skizziert, wie die Erderhitzung ganz im Geiste des Pariser Völkerrechtsvertrags, aber wider Erwarten, unter die Pariser Zielmarke von 1,5 Grad gedrückt werden könnte.

          Über den Realitätsgehalt dieser Vision steht da nicht viel, aber zulässig ist sie, und weltanschaulich betrachtet ist sie bestimmt mehrheitsfähig. Man könnte auch sagen: Die Weltrettungsidee ist Zeitgeist, und der IPCC-Bericht hat kräftig nachgeholfen. In politischen und wissenschaftlichen Milieus hat man für solche optimistischen Betrachtungen der planetaren Wendezeit seit einigen Jahren eine Losung gefunden: „positives Narrativ“.

          Kirchen bringen im Umgang mit der Apokalypse viel Erfahrung mit

          Man müsse den Menschen positive Geschichten liefern, so das Konzept, nicht nur desillusionierende Geschichten vom Untergang. Das Wahlvolk könne ansonsten vom Glauben an das Gute abfallen. Tatsächlich könnte es sein, dass der Glaube als Klimafaktor immer noch unterschätzt wird. Bekanntlich bringen die christlichen Kirchen im Umgang mit der Apokalypse besonders viel Erfahrung mit.

          Im letzten Buch des Neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes, eines noch immer rätselhaften Sehers, werden zur Darstellung der Endzeit maximal verstörende Bilder von Katastrophen, Kriegen, Seuchen, Feuersbrünsten und Hungersnöten beschrieben. Und ausgerechnet die niederschmetternde Wucht dieser biblischen Apokalypse soll nun wiederbelebt werden. Gregor Taxacher, katholischer Theologe der TU Dortmund, gab jetzt in der christlich geprägten Zeitschrift Publik-Forum zu bedenken, dass apokalyptisches Denken jetzt dringend gebraucht werde: „Apokalypse ist jetzt“, meint er, „wir haben eine Situation, in der die Gesellschaft sich revolutionieren muss.“ Der Mensch habe sich in eine permanente Endzeit gebracht.

          Auch der Göttinger Religionswissenschaftler Alexander-Kenneth Nagel plädiert dafür, die theologische Forschung zur Apokalypse und deren „Wucht“ für die Bewältigung der aktuellen Umweltprobleme stärker zu beachten: Die Apokalyptik habe das Potential, „den eigenen Blick zu weiten, sich die Verhältnisse ganz anders vorzustellen“. Das Worst-Case-Szenario hat also noch lange nicht ausgedient. Dass sich die biblische Apokalypse göttlicher Eingriffe verdankt – und nicht etwa menschengemachten Eingriffen –, quasi als Vorbereitung auf das Jüngste Gericht und die Befreiung der Christenheit vor Verfolgung, spielt da keine Rolle. Gott oder Mensch, wer wollte im Untergang so kleinkariert sein?

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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