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„Earth Day“ : Achterbahn fahren mit der Ökologie

Blick vom Mond Bild: AFP

Früher war mehr Baum: Wie am Weißen Haus zuerst zum Spaten und heute zur Axt gegriffen wird. Ein halbes Jahrhundert nach dem ersten „Tag der Erde“ herrscht ökologischer Notstand – und wieder gibt es scheinbar Wichtigeres.

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          Eine Erzählung über die vergangenen fünfzig Jahre Umweltbewegung lässt sich mit dem Foto gut illustrieren, das am 22. April 1970 auf dem Südrasen am Weißen Haus in Washington aufgenommen wurde: der Präsident und seine Gemahlin, Richard und Pat Nixon, mit dem Spaten in der Hand, ein gesundes, stattliches Bäumchen pflanzend. Zum ersten Mal feierte die Weltmacht den Tag, der zwischenzeitlich, in den neunziger Jahren, mit zweihundert Millionen Teilnehmern zum größten weltweiten nichtreligiösen Feiertag wurde: „Earth Day“.

          Das Bäumchen gedieh, und mit ihm erblühte ein neues politisches Gewächs, die Umweltpolitik. Saurer Regen und Ozonloch wurden besiegt, die Luft wurde wieder sauberer, auch das Wasser wie bei uns der Rhein. Und der Wirtschaftsboom verhinderte, dass man sich in dieser schönen Erzählung vom ökologischen Fortschritt heute daran erinnert, wie all das möglich wurde: mit Umweltgesetzen, Normen, Vorgaben und Grenzwerten.

          Heute nun, fünfzig Jahre später, geht der Bewohner des Weißen Hauses über den Südrasen, ohne den inzwischen mächtigen Baum eines Blickes zu würdigen – jener Mann, der sich damals als Grundstücksspekulant verdingte und vom Geist der siebziger Jahre lediglich sein Misstrauen gegenüber jeder Institution (außer seinen eigenen) ins Weiße Haus brachte. Sein Spaten ist die Axt, sein Wort oft pures Gift. Was Donald Trump zu Erdpolitik, Klimaschutz und Ökologie zu sagen hat, erledigt er im Oval Office. Gut hundert Umweltgesetze hat er inzwischen abgeschwächt oder rückabgewickelt. Zuletzt hat er sich an die von der Fahrzeugindustrie beklagte Höchstmengenverordnung für Quecksilber-Emissionen gemacht.

          Auch vom Coronavirus lässt er sich nicht daran hindern, per Dekret die für die Fossilwirtschaft hinderlichsten Umweltbestimmungen zu kappen. Und nicht nur auf Trumps Tisch, auch auf dem des kanadischen Regierungschefs liegen offenbar weiter gehende Wunschlisten der Ölkonzerne, wie durch ein geleaktes Memo am Wochenende ruchbar wurde. Die durch die Corona-Krise ausgelösten Rezessionseffekte sollten doch bitte durch großzügigere, sprich: gelockerte, Umweltstandards staatlicherseits kompensiert werden.

          So richtet der fünfzigste Jahrestag des Earth Day den Blick nicht in die Zukunft, wie es mit Blick auf Klimawandel und ungebremste Naturverluste nötig wäre. Vielmehr geht der Blick bange zurück auf ein in Vergessenheit geratenes Bäumchen am Weißen Haus.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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