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Pioniere der antarktischen Presse

Von TILMAN SPRECKELSEN

2. März 2021 · Polarexpeditionen im Winter waren einst nicht nur gefährlich, sondern zuweilen auch recht eintönig. Aber die Crew Robert Scotts wusste sich zu helfen.

Foto: Royal Geographical Society/Getty

Sie sei „die schlimmste Reise der Welt“ gewesen, schrieb Apsley Cherry-Garrard in seinem Bericht über die britische Terra-Nova-Expedition in die Antarktis, durchgeführt 1910 bis 1913 unter der Leitung Robert Falcon Scotts, der dabei ums Leben kam. Auch Cherry-Garrard selbst entging dem Tod nur um Haaresbreite, als er Mitte 1911, also im tiefsten antarktischen Winter, mit dem Biologen Edward Wilson und dem Marineoffizier Henry Bowers vom Expeditionslager am Cape Evans einen Fußmarsch zum 107 Kilometer entfernten Cape Crozier unternahm. Die drei Männer zogen zwei hintereinander gebundene, vollgepackte Schlitten mit einem Gesamtgewicht von etwa 375 Kilo. „Es ist Mittag, aber es herrscht pechschwarze Dunkelheit, und es ist nicht warm“, schreibt Cherry-Garrard mit einigem Understatement. Und das war erst der Aufbruch zu der fünfwöchigen Tour mit dem Ziel, in einer knapp zehn Jahre zuvor entdeckten Kolonie von Kaiserpinguinen Eier im frühen Stadium der Embryonenentwicklung einzusammeln. Das gelang auch, aber die drei Männer mussten bei Temperaturen um minus 50 Grad Celsius das eingefrorene Zelt auf- und abbauen und einmal sogar zusehen, wie ein Sturm die schützende Leinwand davontrug, die sich zum Glück später wieder fand. Ohne sie hätten die Männer den Ausflug nicht überlebt.


„Es ist Mittag, aber es herrscht pechschwarze Dunkelheit, und es ist nicht warm.“
Apsley Cherry-Garrard

<b>Bei der Arbeit:</b> Apsley Cherry-Garrard (1886 bis 1959) redigiert die „South Polar Times“.
Bei der Arbeit: Apsley Cherry-Garrard (1886 bis 1959) redigiert die „South Polar Times“. Foto: SPL/Scott Polar Research Institute

Cherry-Garrards Bericht, heute ein Klassiker der Reiseliteratur, erschien 1922, also aus dem Abstand etwa einer Dekade zur Expedition. Dass die Erinnerung an den Ausflug zu den Pinguinen für den Autor noch immer traumatisch war, teilt sich mit. Den „Schrecken“ dieser lebensgefährlichen Reise zu beschreiben sei eigentlich „nicht möglich“, heißt es dort. Doch es gibt noch eine zweite Darstellung des Ausflugs. Sie stammt von dem damals knapp 28 Jahre alten Henry Bowers, wegen seiner schnabelartig hervorspringenden Nase auch „Birdie“ genannt. „Es gab nichts Subtiles an ihm“, schreibt Cherry-Garrard, der einräumt, ihn bisweilen „für seine infernalische Fröhlichkeit fast gehasst“ zu haben, ihn aber zugleich unter die „zwei oder drei besten Freunde meines Lebens“ zählt. Bowers’ Bericht konzentriert sich auf den Moment, in dem die drei Expeditionsteilnehmer auf dem Rückweg von der Pinguinkolonie Zuflucht vor einem entsetzlichen Sturm suchen. 

Er schildert, im Ton eines Bilderbuchs für Kinder mit einfachen Worten und Reimen, in zehn numerierten Abschnitten, wie das Lager aufgeschlagen wird: „This is the House that Cherry built“, so beginnt der Text unter einer kolorierten Zeichnung, die jenes Lager zeigt, das Cherry-Garrard mit so viel Sorgfalt errichtet hat. Der feste Untergrund wird beschrieben, die Felsbrocken, zwischen denen sich die drei verschanzen, der Schlitten und die Zeltleinwand, die das Dach bilden, und schließlich die Eisblöcke, die alles noch einmal gegen den Sturm absichern sollen: „This is the bracing South Wind cool / That blew all day (and the next as a rule), / And cemented the Ice-blocks hard and stout / That were placed so carefully round about“. Jeder Abschnitt leitet dann über zum vorhergehenden, so dass die Geschichte eigentlich von hinten erzählt wird, von der Zerstörung durch den aufkommenden, sechzig Stunden wütenden Blizzard zurück zum „House that Cherry built“. Umgeben wird diese letzte Seite des Gedichts dann von einer neuen Zeichnung des Lagers: Kleidung, Proviant, Werkzeuge, selbst die erjagten Pinguine und ihre Eier fliegen durch die Gegend, und zwischen den nun vom Dach entblößten Schutzmauern liegen drei Männer, die aus ihren Schlafsäcken ängstlich in den freien Himmel starren.

<b>Ausflug mit Schlitten:</b> Edward Wilson, Biologe und Künstler, hielt diese Schneelandschaft für die erste Ausgabe der „South Polar Times“ fest, die im April 1902 zu Beginn des Polarwinters entstand.
Ausflug mit Schlitten: Edward Wilson, Biologe und Künstler, hielt diese Schneelandschaft für die erste Ausgabe der „South Polar Times“ fest, die im April 1902 zu Beginn des Polarwinters entstand. Foto: Royal Geographical Society/Getty

„Birdies“ humoristischer Bericht findet sich in einem der rarsten Periodika aller Zeiten. Die „South Polar Times“ erlebte zwischen April 1902 und Juni 1912 ganze zwölf Ausgaben, die jeweils zwischen 28 und 70 Seiten umfassten. Die ersten acht Nummern entstanden 1902 bis 1903 auf der Schreibmaschine an Bord eines vom Eis eingeschlossenen Schiffes während Scotts „Discovery Expedition“, die letzten vier dann 1911 und 1912 in einer Hütte auf 77 Grad südlicher Breite im Verlauf von Scotts Reise mit der Terra Nova. Trotz der überschaubaren Zahl der Ausgaben wechselten die Herausgeber – der erste, der später weithin berühmte Polarforscher Ernest Shackleton, musste das Amt nach fünf Nummern an den Physiker Louis Bernacchi übergeben, weil er, heftig an Skorbut leidend, gegen seinen Willen mit einem Versorgungsschiff zurück in die Heimat gebracht werden sollte. Die letzten vier Ausgaben, die zwischen Juni 1911 und Juni 1912 erschienen, gab dann Cherry-Garrard heraus.

<b>Der Forscher als Pinguin:</b> Dennis G. Lillie, Biologe und Karikaturist, schuf dieses Por­trät seines äußerst beliebten Kollegen Edward Wilson 1911 für die Septemberausgabe der Zeitung. Ein nebenstehendes Gedicht nennt Wilson geradezu prophetisch einen „Märtyrer der Wissenschaft“ – Wilson sollte 1912 mit Scott sterben.
Der Forscher als Pinguin: Dennis G. Lillie, Biologe und Karikaturist, schuf dieses Por­trät seines äußerst beliebten Kollegen Edward Wilson 1911 für die Septemberausgabe der Zeitung. Ein nebenstehendes Gedicht nennt Wilson geradezu prophetisch einen „Märtyrer der Wissenschaft“ – Wilson sollte 1912 mit Scott sterben. Foto: British Library
Über den Zweck einer solchen Zeitung, hergestellt jeweils in den südpolaren Wintermonaten, gibt das Editorial Shackletons zur ersten Ausgabe Auskunft, datiert vom 23. April 1902. Über den Zweck einer solchen Zeitung, hergestellt jeweils in den südpolaren Wintermonaten, gibt das Editorial Shackletons zur ersten Ausgabe Auskunft, datiert vom 23. April 1902. An diesem Tag, schreibt der damals 28 Jahre alte Shackleton, verschwinde die Sonne für die nächsten hundert Tage hinter dem Horizont. Jetzt, wo kein Licht von außen komme, müssten die Expeditionsteilnehmer eben ein Licht von innen suchen, schreibt er. „Ein Pionier der antarktischen Presse“ müsse naturgemäß anders sein als das Zeitungswesen in England, heißt es weiter: keine schnelle Distribution, das Blatt geht nicht hinaus in die Welt und kann sich auch nicht auf Agenturberichte von andernorts stützen. Tatsächlich handelte es sich um ein Periodikum, das in den selben vier Wänden produziert und auch gelesen wurde, und im Editorial wurde genau dies als entscheidend für den Erfolg des Blattes beschrieben: dass alle Leser auch Beiträger seien und umgekehrt. Dass, so Cherry-Garrard weiter, solle in den kommenden dunklen Tagen der Polarnacht die Kameradschaft stärken. Man könnte auch sagen: In einer Zeit, in der längere Exkursionen nicht möglich sind und fast fünfzig Männer auf dem engen Raum des im Eis feststeckenden Forschungsschiffs miteinander eingepfercht sind, ist so eine Zeitung kein schlechtes Mittel, möglichst viele der Expeditionsteilnehmer zu beschäftigen. Tatsächlich hatten schon frühere Forschungsreisende das Mittel der selbstgeschriebenen Zeitung angewandt. So entstand etwa während William Parrys Expedition im Winter 1819 auf 1820 mit der „North Georgia Gazette and Winter Chronicle“ ein ähnliches Periodikum.

Aber worüber schreibt man, wenn Sender und Empfänger über Monate die meisten Erfahrungen teilen? Berichte darüber, was sich gerade in der kleinen Welt der Hütte und ihrer Umgebung tut, finden sich in der „South Polar Times“ kaum und wenn, sind sie satirisch verfremdet. Stattdessen erinnern sich die Autoren an frühere Expeditionen, die sie in Beziehung zur jetzigen setzen, blicken weit in die Zukunft – die Frage „Wie wird man später einmal über uns berichten?“ ist Ausgangspunkt einiger Texte – oder in die Vergangenheit. So erzählt Scotts Stellvertreter Albert Armitage von seinen Erlebnissen auf der einige Jahre zuvor durchgeführten Expedition zum arktischen Franz-Josef-Land oder von der Begegnung mit Fridtjof Nansen. Schließlich gibt er seinen Lesern noch den Rat, unterwegs im Eis abends grundsätzlich Schuhe und Socken auszuziehen, ob sie feucht seien oder nicht.
<b>Überlebenswichtig:</b> Der Primus-Kocher, hier gezeichnet von Edward Wilson, gehörte zur Grundausstattung aller Arktisreisenden, vor allem wenn sie die schützende Unterkunft verließen.
Überlebenswichtig: Der Primus-Kocher, hier gezeichnet von Edward Wilson, gehörte zur Grundausstattung aller Arktisreisenden, vor allem wenn sie die schützende Unterkunft verließen. Foto: Royal Geographic Society

Die Situation, in der sich die kleine Gesellschaft der Autoren und Leser dieses speziellen Periodikums befand, ermunterte offenbar dazu, ungewöhnliche Perspektiven zu ersinnen und einzunehmen. Der Bootsmann Thomas Kennar schrieb für die ersten Ausgaben der Zeitung eine Folge von imaginierten, im breitesten Dialekt gehaltenen Kneipengesprächen, die tatsächliche Erlebnisse der Expedition verfremdet wiedergeben. Und der Matrose Frank Wild, der später an einer ganzen Reihe weiterer britischen Polarexpeditionen teilnehmen sollte, verfasste einen Text, der angeblich bei einer Ausgrabung im London des Jahres 2198 ans Licht gekommen sei, und schilderte, warum sich Scotts Truppe in den äußersten Süden begeben habe – illustriert im Stil ägyptischer Papyri.

<b>Telegramm vom Südpol: </b> Das Manuskript im Papyrus-Stil über die Discovery-Expedition sei im Jahr 2198 in den Ruinen Londons entdeckt worden – so schreibt es Frank Wild in der „South Polar Times“.
Telegramm vom Südpol: Das Manuskript im Papyrus-Stil über die Discovery-Expedition sei im Jahr 2198 in den Ruinen Londons entdeckt worden – so schreibt es Frank Wild in der „South Polar Times“. Foto: Royal Geographical Society

Weil die humoristischen Einsendungen überhandnahmen, wurde ein weiteres Periodikum speziell für diese Beiträge geschaffen, der „Blizzard“. In der „South Polar Times“ finden sich dafür ernsthafte Texte zu wissenschaftlichen Themen, etwa zu Pinguinen und Robben (verbunden mit der Bitte an die Leser, Beobachtungen zu den Tieren mitzuteilen), zur Funktionsweise von Hilfsmitteln wie nautischen Kompassen oder zu Ballonfahrten unter den meteorologischen Verhältnissen des Südpolargebiets.

Auch eine Funktion für die Expeditionsgesellschaft selbst nahm die Zeitung ein. Sie teilte ihren Lesern mit, über welche Themen an der Dinnertafel gesprochen wurde (offenbar interessierte die Offiziere unter anderem Schopenhauers Frauenbild und die Frage, ob das Wort „Tatsache“ inzwischen als Synonym für „Wahrscheinlichkeit“ diene), rief einen Essay-Wettbewerb ins Leben, der allerdings nur eine einzige Einsendung generierte und deshalb abgeblasen wurde, und hielt in einer knappen Chronik die Ereignisse der jeweils zuvor vergangenen Wochen fest: Da ist in der ersten Ausgabe der Zeitung etwa von der Jagd auf Robben und Kaiserpinguine die Rede, vom Abmarsch einer Gruppe, die Versorgungsdepots für künftige Expeditionen anlegen sollte. Doch dass am 11. März 1902 der Matrose George Vince in einem Schneesturm zu Tode kam, war offenbar weder für die Zeitung insgesamt noch für die Chronik ein Thema.


„Aber wenn man nach Genauigkeit der Zeichnung verlangt, Wahrheit der Farbe und der Wiedergabe der weichen und zarten atmosphärischen Wirkungen in dieser Weltgegend, dann findet man sie hier. (...)“
APSLEY CHERRY-GARRARD in seinem Reisebuch, geschrieben mit Blick auf die Bilder seines Freundes Wilson

Elf der zwölf Ausgaben sind von kolorierten Zeichnungen geprägt. Angefertigt hatte sie zumeist der wegen seiner Ruhe und Freundlichkeit allseits beliebte Edward Wilson, Teilnehmer beider Polarreisen Scotts. Er sei „nicht besonders qualifiziert, Wilson nach dem künstlerischen Standpunkt zu beurteilen“, schreibt Cherry-Garrard in seinem Reisebuch: „Aber wenn man nach Genauigkeit der Zeichnung verlangt, Wahrheit der Farbe und der Wiedergabe der weichen und zarten atmosphärischen Wirkungen in dieser Weltgegend, dann findet man sie hier. Seine Farbe ist klar, sein Pinselstrich sauber, und er behandelte das Thema der Schlittenfahrt mit der Kraft eines Praktikers, dem alles bekannt ist, was es darüber zu wissen gibt.“

<b>Viel Platz für Rugby:</b> An der Ausgabe vom Juni 1912 konnte der etatmäßige Illustrator Edward Wilson schon nicht mehr teilnehmen. Die sportlichen Pinguine zeichnete der Geologe Frank Debenham.
Viel Platz für Rugby: An der Ausgabe vom Juni 1912 konnte der etatmäßige Illustrator Edward Wilson schon nicht mehr teilnehmen. Die sportlichen Pinguine zeichnete der Geologe Frank Debenham. Foto: Scott Polar Research Institute, British Library, Royal Geographical Society

Die Liste der übrigen Beiträger geht durch alle Dienstgrade. Sie beginnt mit Scott, der regelmäßig gereimte Rätsel in Form eines acrostic veröffentlichte: Die ersten und letzten Buchstaben einiger zu erratender Begriffe ergeben ein neues Lösungswort, und man sieht den Rätseln an, mit wie viel Mühe Scott sie ausgetüftelt haben mag. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter trugen das Ihre aus den Fachgebieten bei, aber auch die einfachen Matrosen schrieben Texte für die Zeitung. Als Quelle darüber, womit sich die Teilnehmer in der antarktischen Nacht beschäftigten, sind die Ausgaben der „South Polar Times“ unersetzlich, auch wenn man dem Blatt anmerkt, dass seine Gestalt dem Zweck untergeordnet war, zu unterhalten. Darüber, was die jahrelang miteinander eingepferchten Männer beunruhigte, schweigt das Blatt.

Auffällig ist das in der letzten erschienenen Ausgabe vom Juni 1912. Als sie entstand, wusste jeder in der Hütte auf der Ross-Insel, dass die fünf Mitglieder, die Ende 1911 aufgebrochen waren, um den Südpol zu erreichen, nicht mehr wiederkommen würden – darunter Scott, „Birdie“ und der Biologe Edward Wilson. Auch durch das Fehlen seiner Zeichnungen hatte die „South Polar Times“ nun ein anderes Gesicht.


Die Originalausgaben der „South Polar Times“ wurden nach der Rückkehr der beiden Expeditionen 1907 und 1914 größtenteils gedruckt, während die letzte Nummer erst 2011 als Reprint publiziert wurde. Inzwischen liegt ein prächtiges Faksimile aller Ausgaben bei der Folio Society vor.


Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 02.03.2021 10:28 Uhr