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Studie: Grippe-Medikamente nutzlos : Das Versagen vor der Pandemie

Mit den ausführlichen klinischen Studienberichten, den „Clinical Study Reports“, die auf Inititative des Europaparlaments inzwischen zur Pflicht für große klinische Studien geworden sind, hatten die Cochrane-Forschern jetzt genug Material in der Hand, um eine Neubewertung von Tamiflu und Relenza vornehmen zu können. Die Daten von an die 24.000 Influenza-Patienten zeigen aber auch, dass über die Wirksamkeit in vieler Hinsicht noch gar keine soliden Aussagen getroffen werden können. So gab es schon zur Zulassung lediglich Wirksamkeitsvergleiche zu Scheinmedikamenten (Plazebos), aber keine Vergleichsuntersuchungen zu einem anderen verfügbaren Wirkstoff, der die Grippesymptome mildern könnte, beispielsweise Paracetamol.

Bild: reuters


Die Dokumentation des Krankheitsstatus und -verlaufs war in vielen Fällen lückenhaft, viele Fragzeichen blieben nach den Zulassungsstudien.  Etwa zur Frage der Mortalität. Im Laufe der klinischen Studien kam es bei 24.000 infizierten Patienten zu 13 Todesfällen. Wie viele durch die Einnahme von Tamiflu verhindert wurden, lässt sich statistisch nicht ermitteln. Genauso wenig gibt es eine Antwort darauf, wie viele Menschen sich angesteckt und von Natur aus oder durch die Medikamentenprophylaxe symptomlos geblieben waren,  oder die tatsächlich wegen der Einnahme der Mittel nach der Ansteckung nur einen milden Verlauf hatten. „Unsere jüngsten Ermittlungen stellen grundsätzlich in Frage, ob es für eine glaubwürdige Analyse genügt, sich auf die vorhandenen begutachteten Studien zu verlassen“, meinen Jefferson und Doshi. Die Chefredakteurin des „British Medical Journal“, Fiona Godlee, die zusammen mit den Cochrane-Forschern den Kampf für mehr Datentranparenz aufgenommen und ein Buch darüber geschrieben hat, sieht die Vorgänge um Tamiflu und Relenza als „Testfall“ für das derzeitige „fehlerhafte System“. Jefferson und seine Kollegen bezeichneten es deutlicher: ein „Multisystemversagen“.

Statt neuer Wirksamkeitsnachweise sind mit der neuerlichen Arznei-Überprüfung jetzt vermehrt Hinweise über mögliche Nebenwirkungen zutage gefördert worden – wenn auch keine schwerwiegenden. Übelkeit und Erbrechen kommen offenbar häufiger vor bei den Patienten , die die Mittel eingenommen hatten. Und wenn das Mittel vorbeugend eingenommen wurde, waren offenkundig vermehrt Fälle von starken Kopfschmerzen, Nierenbeschwerden und behandlungsbedürftige psychiatrische Symptome festgestellt worden. Das Fazit der Cochrane-Forscher: „Die neuen Ergebnisse stellen den historischen Befund in Frage, dass Neuraminidasehemmer effektiv sind im Kampf gegen Influenzaviren.“ Die Konsequenzen daraus müssten jedes einzelne Land, jede Regierung und die zuständigen Behörden ziehen: „Sie müssen sich im Lichte der jüngsten Erkenntnisse fragen: Würden sie die Empfehlungen für Tamiflu heute wiederholen?“

Die WHO hält die Mittel bisher trotz der schon länger aufkommenden Zweifel noch immer für sinnvoll und hat Tamiflu auf der Liste der essentiellen Medikamente gelistet, die „überall auf der Welt verfügbar sein sollten“.

Stellungnahme von Roche

Der Hersteller von Tamiflu, das schweizerische Unternehmen Roche mit Sitz auch in Penzberg und Mannheim, hat zu den Analysen und Schlussfolgerungen der unabhängigen Mediziner heute Nachtmittag Stellung bezogen. Wir dokumentieren sie im Wortlaut:

„Roche widerspricht entschieden den Schlussfolgerungen der Cochrane-Gruppe für akute Atemwegserkrankungen (Acute Respiratory Infections, ARI) aus ihrer Analyse zu Tamiflu. Roche steht voll und ganz hinter der Qualität und Integrität der Tamiflu-Daten. Die Entscheidungen von weltweit 100 Zulassungsbehörden sowie die in der Anwendungspraxis gewonnenen Daten (“Real-World-Evidenz“) belegen, dass Tamiflu ein wirksames Arzneimittel zur Behandlung und Prävention der Influenza-Infektion ist. 1,2

Influenza ist eine schwerwiegende und teilweise sogar lebensbedrohliche Infektion. 3 Die Analyse von Cochrane berücksichtigt nicht die Gesamtheit der für Tamiflu vorliegenden Daten, da nur 20 von 77 der Cochrane-Gruppe vorliegenden klinischen Studien einbezogen und Daten aus der Anwendungspraxis ausgeschlossen wurden. Dies führt zu einer Fehlinterpretation der Wirksamkeit und Sicherheit eines etablierten Influenza-Arzneimittels und widerspricht dem globalen Konsens im Gesundheitswesen.

Wir begrüßen Forschung von Dritten und stellen klinische Daten zu unseren Medikamenten im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts bereit. Jedoch sehen wir die Cochrane-ARI-Gruppe, die sich selbst als unerfahren im Umgang mit großen Datenmengen aus klinischen Studienberichten ausweist4, nicht als Instanz zur Beurteilung des Nutzens von Neuraminidasehemmern an. Roche hält es für wichtig, dass Gesundheitsbehörden und Influenzaexperten ihre Meinung zu dieser Analyse im Kontext zur Gesamtheit der Daten zu Tamiflu äußern, bevor Schlussfolgerungen gezogen werden.

Die der Cochrane-Gruppe zur Verfügung gestellten individuellen Patientendaten wurden in ihrer Analyse nicht berücksichtigt. Diese Daten ermöglichen es, klinische Ergebnisse genauer zu beurteilen, und haben im Vergleich zu den von der Cochrane-Gruppe verwendeten Gesamtstudiendaten viele statistische Vorteile. 5 Eine kürzlich in der Fachzeitschrift The Lancet Respiratory Medicine veröffentlichte Studie mit individuellen Daten von fast 30.000 Patienten, die während einer Pandemie ermittelt wurden, kam zu anderen Schlussfolgerungen: diese zeigten, dass die Behandlung mit Neuraminidasehemmern wie Tamiflu zu einer Reduktion des Sterberisikos um 19 % im Vergleich zu keiner Behandlung führte. 6

Andere Studien und „Real-World“-Daten zur saisonalen Influenza und zur Influenzapandemie von 2009-2010 zeigten ebenfalls, dass Tamiflu die Schwere und Dauer der Symptome bei mit Influenza infizierten Menschen effektiv reduziert. 7-14 Tamiflu, das in über 100 Ländern von den Zulassungsbehörden überprüft wurde und zugelassen ist, hat ein gut bekanntes Sicherheitsprofil und wurde weltweit bei über 130 Millionen Patienten angewendet. 1,2 Wie bei allen unseren Arzneimitteln überwachen wir die Sicherheitsdaten zur Anwendung von Tamiflu fortlaufend. Diese Informationen werden den Zulassungsbehörden regelmäßig vorgelegt und von diesen überprüft.

Roche ist überzeugt von der Fülle der Daten für Tamiflu, das weltweit von Gesundheitsbehörden als Behandlungsoption empfohlen wird, einschließlich von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Sowohl wir als auch unabhängige Forscher analysieren nun die Ergebnisse des Cochrane-Berichts, und werden in naher Zukunft der wissenschaftlichen Fachwelt und Gesundheitsbehörden unsere Beurteilung und weitere Erkenntnisse mitteilen.“


Literaturverweise (o.g. nachgestellte Ziffern):


1. Roche data on file RXUKDONF00349. 2014
2. Tamiflu EU summary of product characteristics. 2013 http://www.medicines.org.uk/emc/document.aspx?documentid=10446 (Last accessed: March 2014).
3. CDC. Flu symptoms and severity. Available at: http://www.cdc.gov/flu/about/disease/symptoms.htm (Last accessed: March 2014)
4. Jefferson T, et al. Oseltamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments. BMJ 2014;348:g2545 doi: 10.1136/bmj.g2545
5. Kelley GA, et al. Statistical models for meta-analysis: a brief tutorial, World J Methodol 2012 August 26; 2(4): 27-32.
6. Muthuri SG, et al. Effectiveness of neuraminidase inhibitors in reducing mortality in hospitalised influenza A (H1N1)pdm09 patients: an individual participant data meta-analysis. Lancet Respiratory Medicine. Published online March 19, 2014. http://dx.doi.org/10.1016/S2213-2600(14)70041-4.
7. Kaiser, L, et al. Archives of Internal Medicine. 2003;163:1667−1672
8. Rodriguez A, et al. J. Antimicrobial Chemother 2011 ; 66;1140-1149
9. Lee N, et al. J Infect Dis 2011;203:1739–47
10. Hiba V, et al. J Antimicrob Chemother 2011;66:1150–5
11. Nordstrom et al. Current Medical Research and Opinion 2005; 21:5;761-768  Risk of pneumonia and other complications of influenza-like illness in patients treated with oseltamivir
12. Orzeck et al. Clinical Therapeutics 2007; 29:10;2246-2255
13. Nicholson, K, et al. Lancet 2000;355:1845–1850.
14. Treanor, J, et al. Journal of the American Medical Association. 2000;283:1016−1024.

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