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Studie: Grippe-Medikamente nutzlos : Das Versagen vor der Pandemie

Hier in Rot dargestellt: H7N9-Viren
Hier in Rot dargestellt: H7N9-Viren : Bild: Heinz G. Beer

Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, an dem der Pandemie-Krisenstab vor annähernd zehn Jahren eingerichtet wurde und das derzeit von einem Expertenbeirat einen neuen Pandemieplan aufstellen lässt, hat solche Erhebungen nie vorgenommen. Im „Behördenspiegel“ aus dem Jahr 2007, zwei Jahre vor der Ausbreitung des sogenannten  Schweinegrippevirus H1N1 in Mexiko, wurde eine Umfrage des RKI zitiert, aus der sich ergibt: Je nach Bundesland sollten in den Kliniken im Laufe der Jahre insgesamt Vorräte für vier bis dreißig Prozent (Nordrhein-Westfalen) der jeweiligen Bevölkerung angelegt werden – also Abermillionen von Tamiflu-Tabletten. Viele Menschen hatten sich nach der ersten Angstwelle vor dem bei Vögeln grassierenden H5N1-Virus längst mit Tamiflu- oder Relenza-Beständen eingedeckt.
 
Nicht nur für die medizinischen Laien, auch für die Fachleute in den Krisenstäben sah es damals so aus, als seien Tamiflu-Pillen und das von Glaxo verkaufte Relenza, das inhaliert wird, durchaus sinnvolle Investitionen. Die Mittel wurden offiziell empfohlen, die Dokumente der höchsten Gesundheitsbehörden und -institute wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) legten nahe, dass die antiviralen Medikamente die einzigen Mittel sind, die gegen die Influenzaviren wirken. „Ihre Einnahme“, so schrieb etwa die weltweit führende wissenschaftliche Organisation in Infektionsfragen, die amerikanischen Centers for Disease Control and Diseases (CDC), „macht den Unterschied aus zwischen einem milden Krankheitsverlauf und der Gefahr eines schweren Verlaufs mit Einweisung in die Klinik“. Jetzt weiß man: Stimmt nicht. Ironischerweise hatte die amerikanische Genehmigungsbehörde FDA schon bei der Tamiflu-Zulassung vor fünfzehn Jahren geschrieben, dass die Mittel allenfalls eine „mäßige“ Wirkung hätten.  „Auf vier Seiten taucht dieses Adjektiv sechsmal auf“, geben Tom Jefferson und Peter Doshi von der Cochrane-Gruppe zu bedenken. Schon damals hätten Zweifel an der Wirksamkeit aufkommen können. Kamen sie aber nicht, jedenfalls nicht bei den offiziell zuständigen Behörden. Erst die Hinweise von Forschern im Laufe der folgenden Jahre, dass die vorhandenen klinischen Studien nicht ausreichten, die Wirksamkeit und vor allem auch die langfristige Sicherheit der Mittel genau einschätzen zu können, sorgte für ein Umdenken.

Stand 2009: Das Medikament Tamiflu sollte angeblich  vielen Schweinegrippen-Patienten helfen.
Stand 2009: Das Medikament Tamiflu sollte angeblich vielen Schweinegrippen-Patienten helfen. : Bild: DDP

Als Jefferson und einige Kollegen im Jahr 2006 eine Überprüfung der vorhandenen Studien zu Tamiflu und Relenza vornahmen, wurde deutlich, woran das lag: Den Wissenschaftlern fehlten wesentliche Informationen aus den von den Firmen finanzierten klinischen Studien. Und nicht nur das: Es kam der Verdacht auf, dass die betroffenen Firmen wichtige Details der klinischen Untersuchungen zurückhielten. Der Verdacht wurde noch zusätzlich verstärkt, weil einige der federführenden Studienleiter Verbindungen zu den Pharmaherstellern hatten, und als sich die Unternehmen tatsächlich außerstande sahen, die Rohdaten herauszugeben, wurde aus dem Streit ein Krieg um Datentransparenz. Dreieinhalb Jahre hat er gedauert. Dann händigten die Unternehmen den Forschern um Jefferson elf Dutzend CDs aus, auf denen ungefähr 160.000 Seiten Dokumente mit wichtigen Rohdaten und anonymisierten Patientendaten enthalten waren. Es zeigte sich: Nur ein kleiner Teil der Studien war veröffentlicht worden.

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