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ADHS und Smartphones : Tippen und Klicken bis zum seelischen Umfallen?

Spaß macht es schon, wenn nur das Aber nicht wär. Bild: dpa

Das Smartphone immer im Anschlag, digital auf Dauerbetrieb. Doch wann ist es zu viel, wann macht die Seele schlapp? Mediziner haben jetzt Tausende Schüler im Zappeltest gehabt und finden Anhaltspunkte für eine digitale Überdosis.

          Die digitale Realität galoppiert, und sie kennt nur eine Richtung: Konsum frisst Zeit. Immer früher, immer stärker, immer schneller – und überall. Jung oder alt, das ist nicht mehr die Frage. Die Frage lautet jetzt: Wer hält noch wie viel aus? Wann wird das wertvolle Smartphone zur Waffe gegen verletzliche Seelen. Vor allem Eltern fragen sich: Wann wird es schädlich? Wie werden sie ihrer Verantwortung gerecht und was kann passieren, wenn sie und die Kinder die Kontrolle verlieren vor lauter sozialem Netzwerken, chatten, daddeln, downloaden, messagen und youtuben?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die wissenschaftliche Medizin hat an harten Daten dazu bisher nicht viel zu bieten. Alles was man über die psychischen Folgen des Medienkonsums weiß, stammt aus Zeiten, in denen noch empirisch über die Folgen von Videospielen und Internetsurfen am Heimrechner geforscht wurde. Das mag zwar nur ein paar Jahre her sein, es ist aber verglichen mit dem, wie mittlerweile digital konsumiert wird, eine träge Kaffeefahrt in die virtuelle Welt. Heute spricht man in der Medizin von der „Hochintensitätsstimulation“ des Gehirns, und das einerseits mit Sorge um die Betroffenen, aber auch mit einer gewissen wissenschaftlichen Neugier: Werden wir jetzt endlich erfahren, was bisher in den Studien oft widersprüchlich beantwortet wurde: Schadet der exzessive Konsum digitaler Medien unserer Psychische vielleicht doch, zerstört es die seelische Entwicklung der Kinder?

          Die ersten Ergebnisse grösserer Studien machen inzwischen die Runde. In „Jama“ etwa, dem Journal der amerikanischen Medizinischen Gesellschaft, ist jetzt eine Studie der University of Southern California veröffentlicht worden, in der Jugendliche im Anfangsalter von 15 und 16 Jahren ab September 2014 zwei Jahre lang beobachtet worden waren. Die Jugendlichen – insgesamt ausgewertet wurden knapp 2600 Teenager aus dem Umland von Los Angeles – gingen auf zehn unterschiedliche Schulen. Unter ihnen waren solche, die ihr Smartphone über den Tag extrem viel und solche, die es sehr wenig nutzten.

          Im Schnitt, das haben andere Untersuchungen der nationalen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) gezeigt, sind 43 Prozent der amerikanischen Oberstufenschüler täglich drei Stunden oder mehr digital beschäftigt. Bei nicht wenigen besteht – Flatrate sei Dank – inzwischen rund ein Drittel des Tages, neun Stunden, aus Kommunikation, Spiel und Konsum am Smartphone.

          Jeder Zehnte Smartphone-Junkie wird krank

          Die Schüler sollten am Anfang und alle halbe Jahr detailliert Auskunft geben. Über die Intensität ihrer Digitalaktivitäten auf unterschiedlichen Plattformen, aber auch über ihr soziales Verhalten im Alltag, ihre Emotionen und Sorgen. Im Mittelpunkt dabei ein Test für das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS). Er hat sich in der Psychiatrie bewährt, um „Zappelphilippe“ zu identifizieren. Wenn die Aufmerksamkeit immer wieder nachlässt, die Menschen sich auf nichts mehr richtig konzentrieren können, andererseits aber auch eine starke Unruhe bis hin zur Hyperaktivität spüren, und wenn sie dann noch in Alltagssituationen oft impulsiv reagieren, liegt nach medizinischen Maßstäben oft ein Verdacht auf ADHS vor.  

          Mit dem Smartphone auf dem Spielplatz. Was wissen die Eltern des Jungen von diesem Moment?

          Was die kalifornischen Gesundheitsforscher bei ihren jungen Probanden beobachtet haben, lässt in ihren Augen zumindest bei den „Digitaljunkies“ einen deutlichen Zusammenhang zwischen ADHS und Digitalkonsum vermuten. 9,5 Prozent der 114 Jugendlichen, die täglich mindestens einen Teil der digitalen Plattformen nutzen – also fast jeder Zehnte –, entwickelte innerhalb der zwei Jahre ein Verhalten, das die Kriterien für ADHS erfüllt. Von den 51 Jungen und Mädchen, die stundenlang jeden Tag am Smartphone hängen und alle Plattformen nutzen, entwickelte ebenfalls jeder Zehnte das vom DSM-4-Katalog zugrunde gelegte Krankheitsbild ADHS. Zum Vergleich: Die knapp 500 Jugendlichen, die angaben keine der digitalen Dienste regelmäßig zu nutzen und nur sporadisch am Smartphone aktiv zu sein, lag die Quote der neuen ADHS-Diagnosen bei 4,5 Prozent. Das sei mehr oder weniger die natürliche ADHS-Quote.

          Frühere Studien mit Videospielern und Internetkids hatten in einer internationalen Metastudie, in der Daten aus den Jahren 1981 bis 2014 ausgewertet worden waren, noch von einem leicht erhöhten ADHS-Risiko berichtet: Bei sieben Prozent lag die ADHS-Quote der jungen „Daddler“. Fazit der kalifornischen Forscher: „Obwohl immer noch andere Erklärungsmöglichkeiten bleiben und ein kausaler Zusammenhang nicht hergestellt werden kann, könnte es durchaus sein, dass die moderne Digitalmedien-Nutzung in der Ausbildung von ADHS eine Rolle spielt.“

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