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Querschnittlähmung : Strom, Schritte und ein Stall voll Hoffnungen

  • Aktualisiert am

Wunder in der Medizin gibt es selten. Bild: plainpicture/R. Mohr

Gelähmte, die plötzlich stehen und sich ein paar Schritte nach vorne schleppen. Schon möglich, wenn die Rückenmarknerven das hergeben und stimuliert werden. Mit Heilung hat das nichts zu tun. Trotzdem ist die Versuchung offenbar groß, an Wunder zu glauben.

          Es ist eine dieser Nachrichten aus dem Medizinbetrieb, die buchstäblich elektrisieren: Ein 29-jähriger Querschnittgelähmter kann mit etwas Hilfe plötzlich einige Schritt gehen. Ausschlaggebend dafür: Eine  elektrische Rückenmarkstimulation und gleichzeitig 43 Wochen Rehabilitationstherapie. Danach konnte der Patient ganze 331 Schritten oder 102 Meter langsam zurücklegen, nur auf einen Rollator gestützt zwar und auch nur mit Hilfe eines Therapeuten, aber immerhin. Ein amerikanisches Forscherteam um Kendall Lee und Kristin Zhao von der Mayo Clinic in Rochester  berichtete darüber im wissenschaftlichen Fachjournal „Nature Medicine“. Eine Sensation also, ein medizinisches Wunder gar? Können vollständig gelähmte Menschen womöglich darauf hoffen, doch noch geheilt zu werden? 

          Die ersten Reaktionen auf die wissenschaftliche Veröffentlichung ließen fast darauf schließen. In zahlreichen Kommentaren auf Twitter  wurde geradezu euphorisch darüber berichtet, in größeren Medien wurde der Therapieerfolg als Eilmeldung in die Welt hinausgeschickt. Tatsächlich jedoch scheint die medizinische Bilanz dieses Falls bei näherer Betrachtung eher zwiespältig. An der Studie unbeteiligte Mediziner jedenfalls reagierten skeptisch.

          Fachleute bleiben skeptisch

          Bei einer Querschnittlähmung ist das Rückenmark des Patienten so stark beschädigt, dass die Signale aus dem Gehirn nicht mehr oder kaum noch an die Beine weitergeleitet werden. Mit der elektrischen Rückenmarkstimulation versuchen Mediziner, die verletzte Stelle zu überbrücken. In dem in der Studie beschriebenen Fall war das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt. Deshalb wollten die Forscher herausfinden, wie weit sie mit einer Rückenmarkstimulation kommen würden. Die Mediziner gaben Elektroimpulse in verschiedene Beinmuskeln. Dabei entdeckten sie, dass ein einzelnes Stimulationsmuster nicht ausreicht. Sie entwickelten zwei unterschiedliche Muster, die so miteinander verzahnt wurden, dass der Patient die verschiedenen Phasen eines Schritts meistern konnte. „Nach unserem Wissen ist die Verwendung der elektrischen Rückenmarkstimulation während des aufgabenspezifischen Trainings, einschließlich Steh- und Schrittaktivitäten, neu“, schreiben die Forscher. Erforderlich seien nun weitere Untersuchungen mit einer größeren Zahl von Probanden, um deren Gültigkeit und Wirksamkeit zu bestimmen.

          Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält die Studie prinzipiell für gut gemacht. Der beobachtete Effekt sei wissenschaftlich interessant, aber auch mit den gezeigten Fortschritten könne der Patient nicht seinen Alltag meistern. „Eine ganz wichtige Feststellung ist: Der Letter beschreibt einen einzigen Fall! Es ist schon lange bekannt, dass bei einem Teil der funktionell ‚komplett’ Querschnittgelähmten trotz fehlender Willkürmotorik und komplettem Ausfall aller sensiblen Funktionen wie Schmerz, Temperatur, Berührung noch intakte Nervenbahnen im Rückenmark über die Verletzungsstelle vorhanden sein können. Man geht davon aus, dass diese wenigen erhalten gebliebenen Nervenbahnen nicht in der Lage sind, sichtbare sensomotorische Funktionen unterhalb der Rückenmarksverletzung zu erhalten, sprich: den sogenannten Spinal Pattern Generator unterhalb der Rückenmarksverletzung wieder so zu aktivieren, dass er Steh- und Gehbewegungen steuert.“

          „Ein sehr spezieller Patient“

          Rückschlüsse auf die Übertragbarkeit der Technik sind für Weidner fraglich. „Es ist ein spezieller Patient, so dass fraglich ist, inwiefern andere querschnittgelähmte Patienten in gleicher Weise trainiert werden können“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Problematisch sei auch, dass es keine Rückkopplung über die Stellung der Beine im Raum ans Gehirn gebe, was für das sichere Gehen notwendig sei. Bei nicht vollständig Gelähmten, die unterhalb der verletzten Stelle am Rückenmark zumindest noch Bewegungen ausführen können, sieht Weidner ein größeres Potenzial für diesen Heilungsansatz.

          Auch Jocelyne Bloch vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois in Lausanne (Schweiz) ist vom Ergebnis der Studie nicht ganz überzeugt. „Er kann mit viel Hilfe ein paar Schritte gehen - aber es gab keine neurologische Heilung“, sagte sie mit Blick auf den Patienten. „Doch im Labor einige Schritte zu tun, bedeutet nicht, dass das auch zu Hause und im Alltag klappt und das Leben verändert. Wir sollten also wortwörtlich einen Schritt zurücktreten und die Ergebnisse in der Realität betrachten.“ Weitere Hinweise auf die grundsätzlichen Möglichkeiten und Grenzen der Methode gibt eine Studie, die fast zeitgleich im  „New England Journal of Medicine“ erscheint. Darin berichten US-Forscher um Susan Harkema von der University of Louisville von vier querschnittgelähmten Patienten, die ebenfalls mit Elektrostimulation behandelt worden waren. Zwei von ihnen konnten nach intensivem Training wieder einige Schritte gehen, alle vier konnten zumindest selbstständig stehen. Neben der elektrischen Stimulation und dem Training war der Wille der Patienten für das Gehvermögen entscheidend: Sie mussten sich fest vornehmen zu gehen -  sobald sie die mentale Absicht einstellten, konnten sie ihre Beine nicht mehr bewegen, berichten die Wissenschaftler.

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