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Utopische Pandemie-Ziele? : Die Null steht

„Grüne Zonen“ mit extrem niedrigen Inzidenzen gehören zum Kern des Zero-Covid-Konzeptes. Bild: dpa

Bevor sich alles wieder um Lockerungen dreht: „Zero Covid“ oder „No Covid“ ist keine Zahl, sondern ein Anspruch. Null Corona hat erfolgreiche Vorbilder: im Arbeitsschutz, im Verkehr, in der Krebsmedizin. Es ist alles andere als realitätsfern.

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          Null Inzidenz, keine Corona-Neuinfektionen mehr – da gehe die Bevölkerung nicht mit, sagt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), „null ist keine gute Idee“. Die Idee war in der jüngsten Kanzlerinrunde mit den Ministerpräsidenten von Wissenschaftlern propagiert worden, beileibe nicht nur von Virologen, auch von hochkarätigen Ökonomen und Sozialforschern.

          „No Covid“ oder „Zero Covid“ war politisch tot, noch bevor es ernsthaft geprüft wurde. Unrealistisch, politisch nicht realisierbar, die Ministerpräsidentenkonferenz war schnell fertig damit. „Auf Sicht fahren“, die Lieblingslangzeitstrategie von CDU-Chef Armin Laschet, ist die gelebte Realität, das stimmt. Nur ist keiner glücklich mit dem Ergebnis. Gelernte Hilflosigkeit nennen Psychologen diesen traurigen Zustand. Als Hoffnungslosigkeit nehmen ihn weite Teile der Bevölkerung inzwischen wahr. Erschöpft und ernüchtert sind sie. Genervt. Die Zahlen sinken, doch die Maßnahmen sollten strenger werden – weil die ansteckenderen Mutanten anklopfen. Weil auch die Zahlen der täglichen Toten immer wieder schmerzen. Weil die deutsche Pandemiebilanz immer düsterer wird.

          Wie soll da ausgerechnet die Vision, die Fallzahlen möglichst schnell auf null zu drücken, „den Menschen die Zuversicht nehmen“, wie Dreyer meint? Man muss nicht die Menschen in Melbourne fragen, in Neuseeland, Südkorea oder in Vietnam, wo das Ziel der maximalen Fallzahlminimierung schon aus ökonomischen Gründen konsequent umgesetzt wird. Die Null-Vision für den Gesundheits- und Lebensschutz ist längst auch hier etabliert. Dreyers und Laschets Parteien haben sie in den Koalitionsvertrag gehoben: Mittelfristig sollen null Verkehrstote das Ziel sein. Man nennt es da nicht genau so, aber es ist „Vision Zero“. Schweden hat dieser Idee vor Jahren schon Gesetzesrang gegeben und so die Zahl der Verkehrstoten um 90 Prozent gesenkt. Realitätsfern? Walter Eichendorf, Sozialpolitologe und Verkehrssicherheitsfachmann, hat die Weichen mit gestellt: Unser Grundgesetz sei da eindeutig, „das Leben und die körperliche Unversehrtheit sind nicht verhandelbar. Selbst wenn man es nie vollständig erreichen kann: Jeder Mensch hat das Recht, zu leben, und dafür ist alles Notwendige zu unternehmen.“

          Im Arbeitsschutz wurde Vision Zero vor über zweihundert Jahren vom amerikanischen Schwarzpulverhersteller du Pont realisiert. Jeder einzelne Unfall ist vermeidbar, ist bis heute der Grundgedanke. Jeder trägt Verantwortung. Vision Zero heißt seit 2019 auch ein Verein von Spitzenkrebsmedizinern aus dem ganzen Land. Ihre Philosophie und die empirische Erfahrung sind dieselbe wie die von Zero Covid: Ein großer Teil der Todesfälle ist vermeidbar, beim Krebs sind es 600 am Tag in Deutschland. Nicht palavern ist ihre Mission, sondern handeln: verhüten zuerst. Prävention war nie die Stärke der Politik, erst recht nicht der Gesundheitspolitik. Vorsorge hintanstellen war gewissermaßen die gelebte Realität, ja die einzige Langzeitstrategie, bis zum Ausbruch der Pandemie. Die Null-Vision ist deshalb keine Zahl, sondern Aufforderung und Anspruch: Jeder Stein muss umgedreht werden. Weil das immer noch nicht Realität ist, nicht beim Screening, nicht bei den Maßnahmen, lebt Zero Covid als Haltung im Netz weiter, als #YesToNoCovid.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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